1899 Hoffenheim vs. Borussia Mönchengladbach
Lob des Kicks
Die TSG hat zum Jahresstart mal einen raus-
und den Gästen fünf reingehauen
(bzw. 32 gezogen)
Frohes, neues Jahr.
Laut Knigge konnte man das noch bis gestern sagen. Als Geste, als Wunsch. Nach der Leistung der TSG am gestrigen Abend ist das aber nicht als Geste oder Wunsch oder gar Phrase zu verstehen, sondern als Versprechen, mehr noch: Prophezeiung.
War das ein Spiel?
Nein.
Am letzten Wochenende zum Start der Fortsetzung der Bundesligasaison 2025/26 war ja sehr wenig von der TSG zu sehen, aber gestern???
Das war ein Kick – vulgo: eine intensive nervliche und emotionale Erregung, die als besonders starkes, lustvolles Hochgefühl erlebt wird.
Jaaa doch, wir hätten auch „das heißt“ oder „anders/besser gesagt“ schreiben können, aber „vulgo“ finden wir einfach schöner – und an der Stelle richtiger. Weil es an „vulgär“ erinnert, aber genau das im Deutschen nicht ist. (Das ist doch lustig. Man kennt das in einem eher profaneren Umfeld aus dem Synonym für „Schwierigkeit“: „Schwulität“.)
Im Deutschen gilt „vulgo“ als bildungssprachliches Adverb, dabei – zurückgehend auf das Lateinische „vulgus“ (das „Volk, die Leute, der gemeine Haufen“) – bedeutet. „vulgo“ wörtlich nichts anderes „im Volk / allgemein so genannt“, vulgo „Umgangssprache“. Und wir pflegen einen guten Umgang – und / durch / mit Volksnähe.
Hörten wir da ein Räuspern des Zweifelns, geneigte/r Leser/in? Mitnichten wäre dieser angebracht.
In der Tat wird heutzutage „Volksnähe“ vor allem im Sinne von „Sicheinsmachen mit“ verstanden. Das aber wäre eine nach unserem Dafürhalten recht primitive Form der Volksnähe, vulgo „Populismus“. Und richtig ist, populistisch sind wir nicht – nicht zuletzt, weil primitiv.
Können wir zwar auch bisweilen sein, aber per se ist das für uns kein charakterliches Gütesiegel, weshalb wir auch in Momenten insbesondere im Falle einer negativen emotionalen Erregung Contenance („Form“, „Maß“, „Bändigung“, „Beherrschung“) wahren. DAS zu können, ist beispielsweise ein charakterliches Gütesiegel.
Man stelle sich das Volk als einen Haufen Büroklammern vor. Muss man wirklich auch eine Büroklammer sein, um von der Gemeinschaft der Büroklammern akzeptiert und respektiert zu werden. Steigerte dies in irgendeiner Form die eigene Anziehungskraft? Besser doch, man ist ein Magnet. Als solcher kann man das Volk, also die Gemeinschaft der Büroklammern in diesem Beispiel, bewegen. Erst wenige, die dann wiederum selbst eine unbekannte Kraft in sich spüren, die wiederum andere anzieht. Wenn man denn – als Magnet – nah genug dran ist.
Das ist das, was wir unter „Volksnähe“ verstehen. Wer lediglich Bestätigung seiner eigenen Gedankenwelt möchte, der möge ein- und abtauchen in die Tiefen einschlägiger Foren und Portale, ein klügerer oder gar besserer Mensch wird er dadurch gewiss nicht. Wer aber stimuliert, angeregt und vielleicht sogar bewegt werden möchte: Herzlich willkommen.
„Frohes, neues Jahr“ übrigens …
Und wir waren gestern mal wieder ganz nah dran – und das nicht nur am höchsten Heimsieg der TSG.
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- Da hat das 6:0 gegen den 1. FC Köln vom 31. März 2018 weiter Bestand. Der 2.höchste war interessanterweise auch gegen den 1. FC Köln (5:0 am 15. Oktober 2021), gegen des auch einmal ein 4:0 zuhause gab (am 3. Dezember 2016).
- Es war auch nicht das einzige 5:1 der TSG auf heimischen Grün (gegen den HSV (25. April 2010), Hertha BSC (27. September 2009) in der Bundesliga sowie im DFB-Pokal gegen Holstein Kiel (26. Oktober 2021)).
- Es gab auch mal ein 6:2 (gegen den VfL Wolfsburg (2. März 2014), aber noch nie – nie, nie, nie – gab es eine 4:0-Pausenführung zuhause.
- In der letztgenannten Partie stand es nach 45 Minuten 4:1. (Wie auch bei der Partie gegen Werder am 21. August 2010) Ja, knapp, aber … nicht zu null.
- Es gab auch schon drei Mal vier Tore zuhause in einer Halbzeit ohne Gegentreffer – unter anderem bei den beiden zuerst genannten Partien gegen den 1. FC Köln (beim 6:0 waren es sogar 5) sowie beim 4:0 gegen den VfB (27. Oktober 2018) –, aber da fielen die vier Treffer in der 2. Halbzeit.
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Eine 4:0-Pausenführung zuhause gab es bis dato noch nie.
Na, zweifelst du immer noch an unserer Volksnähe, geneigte/r Leser/in? Ist das ein Service? Ja. Ist das verständlich? Ja. Fühlst du dich jetzt wissender? Das entscheidest du natürlich für dich selbst, aber das hat doch schon was Magnetisches …
… so wir der Abend was Magisches hatte – und wir waren ganz nah dran, obwohl wir in Halbzeit 1 gerne noch näher dran gewesen wären, aber wir, die TSG, hatten halt auch die Platzwahl gewonnen, und da geht’s nun meist zuerst gen Nordtor. Ein winziger Wermutstropfen, den wir gerne geschluckt haben. Mehr noch aber haben wir gestaunt …
Kommt da doch Asllani nach dem Anstoß der Gladbacher tatsächlich an den heute üblichen Dreschball des Keepers nach dem Zuspiel vom Anstoßpunkt! Selten war der Ausdruck „von der ersten Minute an Druck auf den Gegner ausüben“ unpassender. Er galt von der ersten Sekunde an.
Es war alles andere als schlicht, was die Mannschaft da auf den Rasen zauberte. Es war schlicht beeindruckend.
Es erinnerte alles so viel an die für uns bis dato beste erste Halbzeit der Bundesligahistorie – im ersten Bundesligaheimspiel gegen den HSV, die uns ja dazu verführte, das größere Ganze zu sehen und das auch durch entsprechende Spielberichte auf ein anderes, bis dahin unbekanntes Niveau zu heben.
Damals stand die Heisenberg’sche Unschärferelation Pate, heute standen, vulgo saßen wir Spalier und bestaunten ein Spiel, bei dem uns ein weiterer Meilenstein unserer Geschichte in den Sinn kam: eines der ersten Presse-Interviews unseres CCEOs, der darin kundtat – und dieses Zitat ward dann auch die Überschrift:
Das Spiel verdient es nicht, dass man es nacherzählt, dass man es in einzelne Abschnitte zergliedert, Szenen einzeln beschreibt und/oder bewertet. Es war ein Gesamtkunstwerk, das einfach größer ist als die Summe seiner Teile.
Die Mona Lisa in Größe, Farbauswahl, Hintergrund, dessen Details, in der Feinheit der Linienführung, dem dezenten Lächeln im Zentrum, den den Betrachter bzw. die Betrachterin scheinbar verfolgenden Augen, dem eigentlichen Titel („La Gioconda“), ihrer Geschichte von Italien nach Paris, vom Schlafzimmer Napoleons im Tuilerienpalast (ca. 1798–1804) in den Louvre (seit 1793), dem eigentlichen Grund ihrer Berühmtheit (Diebstahl am 21. August 1911, Rückkehr Januar 1914) etc. zu zergliedern, wird dem Werk als Ganzem nicht gerecht. Es ist all das, aber gerade dadurch noch mehr.
Deshalb keine Ausführungen zu unserer Furcht, die uns nach dieser sehr guten Anfangsphase befiel, als wir uns nicht belohnten, oder die Freude über den Elfmeter, die Erleichterung, als er versenkt wurde, die Extase nach dem 2:0 keine 2 Minuten später, die nach dem 3 und vor allem nach dem 4:0 eh kaum in Worte zu fassen wäre.
Und es gibt weder hier großes Genöhle ob Prömels Leistung, der von den Bank einfach nicht in den Flow kam, seiner Lethargie, die ursächlich war für den Gegentreffer – und nicht Hranacs Zuspiel, der in den Raum spielte und erwartete, dass sein Mitspieler, wie es alle anderen auch taten, dem Ball entgegenlaufen würde – noch großes Gegröhle ob Moerstedts erstem Bundesligator, einfach (fast) nur pures Schweigen ob der Schönheit des Spiels unserer TSG an diesem Abend.
Man könnte ein Buch darüber schreiben, wie schön das war, aber das gibt es schon. Es heißt „Lob des Sports“ von Hans Ulrich Gumbrecht, der darin, ehemaliger Harvard-Professor halt, anhebt (ohne abzuheben) zu erklären, worin die besondere Faszination des modernen Sports liegt – vor allem aus der Perspektive des Zuschauers.
In diesem Buch verbindet er persönliche Stadionerfahrungen mit kultur- und ästhetiktheoretischen Überlegungen und verteidigt den Sport als eigenständige Form intensiven ästhetischen Erlebens, vulgo „Kick“.
Leider erinnern viele Versuche, die Schönheit des Spiels zu erklären, an nationalsozialistisches Gedankengut.
Die Schönheit des Sports liegt in seiner Fähigkeit, Menschen physisch zu stärken, psychologisch zu fördern und ästhetische Meisterleistungen zu vollbringen, die von der Eleganz des Turnens bis zur Kraft im Bodybuilding reichen, Stress abbauen und Selbstbewusstsein stärken, wodurch Körper und Geist in Einklang gebracht werden.
Das ist nicht falsch, aber zumindest fragwürdig – und das nicht nur für Gumbrecht. Er geht in seinem Buch der Frage nach, ob die Anziehungskraft des Sports wirklich nur aus extremer körperlicher Leistung, aus Spannung des Wettkampfs stammt oder ob da nicht mehr dahinter ist, genauer: eine Sehnsucht nach Schönheit und Vollendung. Und, oh Wunder, kommt er zu dem Schluss, dass es die Vollendung ist, die Zuschauer bewundern.
Sport ist ein Ort „realer Präsenz“, als Erfahrung von Aura, Offenbarungen (Er spricht sogar von „Epiphanien“, worunter man im religiösen Kontext das sichtbare Erscheinen Gottes versteht) …
Der Feiertag letzte Woche („Heilige Drei Könige“) geht darauf zurück.
Am 6. Januar wird die Ankunft der Weisen aus dem Morgenland gefeiert, die den neugeborenen Jesus als König erkennen, weshalb man den Feiertag auch „Epiphanias“ nennt.)
… und fokussierter Intensität, in der Körperlichkeit und ästhetisches Urteil zusammenfallen. Die Ästhetik aber macht den Unterschied, erst sie macht das Erlebnis zu etwas ganz Besonderem.
Sein Buch ist anders als die traditionelle „kritische“ Haltung vieler Intellektueller gegenüber Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen. Er schreibt nicht herablassend darüber, sondern bringt seine Dankbarkeit für die Intensität und den ästhetischen Genuss zum Ausdruck.
Sein Verlag geht sogar so weit zu behaupten, dass das Buch ein engagiertes Plädoyer für den „Eros“ des Sports sei und gegen seine Reduktion auf Kommerz, Moralismus oder bloße Medieninszenierung, aber das lässt mehr Rückschlüsse auf das Sexualleben des textverantwortlichen Marketingmenschen zu, als dass das auf das Buch selbst zutrifft.
Und dabei argumentiert er sehr intellektuell – und stellt im Sport allgemein eine Parallele zu Kants Idee der reflektierenden Urteilskraft (subjektiv, aber allgemeingültig) her, die die ästhetische Qualität des Sports als autonomes Erlebnis begründen. Dabei greift er vor allem das Konzept der „Zweckfreiheit“ auf, der nach Schönheit eine „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ darstellt – ein freies Spiel der Einbildungskraft und des Verstandes, das Lust erzeugt, ohne auf nützliche oder moralische Zwecke bezogen zu sein.
Konkret: Der Zuschauer empfindet intensive Lust an der Formvollendung, ohne dass es um praktische Nutzen (z. B. Gewinn) oder intellektuelle Belehrung geht. Es geht also um mehr denn bloße Unterhaltung oder Messung von Leistung und damit schaffe der Sport einen echten ästhetischer Raum ist – vergleichbar mit Kunst.
Für ihn ist die Freude des ästhetischen Erlebens – das Schauen, Staunen und Mitfiebern – das zentrale Moment der Attraktivität, auch der des Sports – und dieses Spiel war ein Paradebeispiel dafür, ein ästhetischer Hochgenuss, ein echter „Kick“.
Der einzige Kritikpunkt an dem Spiel war seine mediale Perzeption. Dabei wurden die Gäste aus Mönchengladbach als „schlecht“ dargestellt, sogar vom eigenen Trainer auf der Nach-Spiel-PK. Das wird den Spieler aber nicht gerecht. Sie versuchten ihr Möglichstes, aber die TSG setzte ihr Bestes dagegen, und nicht die Gäste waren schlecht, wir waren in allen Belangen herausragend gut und in diesem Spiel um Längen besser als sie.
Es mag wie eine Presse-Petitesse wirken, aber diese Bewertung der Gäste schmälert, nein: sie diskreditiert geradezu die Leistung unserer Mannschaft. Und wer die Parallelen nicht sieht … Was macht der Trainer der siegreichen Mannschaft, der die unterlegene Mannschaft als einen harten, schweren Gegner darstellt, der der eigenen Elf alles abverlangt habe? Er erhöht sich und sein Team, schließlich haben sie gewonnen. Was er also sagt, ist: „Egal, wie gut die waren, wir waren besser, denn wir haben gewonnen!“
Im Falle der medialen Darstellung der Leistung der Gäste wird der Eindruck erweckt: „Gladbach war so grottenschlecht, da hatte Hoffenheim leichtes Spiel.“ Das aber ist grottenfalsch. Richtig wäre gewesen:
„Die spielimmanente Perfektionierung der TSG potenzierte ihre agonistische Überlegenheit dergestalt, dass eine hyperbolische Steigerung der Leistungskapazität der Borussia Mönchengladbach apriorisch ausgeschlossen war.“
vulgo
„Die TSG spielte so gut, dass die Gladbacher nicht besser werden konnten.“
Oder falls du, geneigte/r Leser/in, es etwas bildhafter haben möchtest, dass es dir erlaubt, auch besser mitfühlen zu können:
„Dass Borussia Mönchengladbach keinen Biss im Spiel entwickeln konnte, lag einfach daran, dass die TSG ihren Gästen früh den Zahn gezogen hat. Und dann noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Am Ende alle – und da waren erst einmal 45 Minuten gespielt.“


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