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Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim Rhein-Neckar Heidelberg 2007 e. V.

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Hannover 96 vs. 1899 Hoffenheim

Popper

Ein Versuch zu Trends, Spiel und Philosophie

Die Älteren unter uns erinnern sich an sie: Jugendliche, meist aus sogenanntem „besseren Hause“, die die Rebellionen und das Dauerpolitisieren von Allem und Jedem der 68er- und Nachfolgegenerationen satt hatten und sich Mitte/Ende der 80er demonstrativ konformistisch, unkritisch, apolitisch sowie höchst konsumfreudig und uniform gaben. Hochgestellte Kragen der Polohemden von Lacoste und Benetton, bei Mädchen noch verziert mit Perlenkettchen, bei Jungs mit Krawattenschal, darüber eine Barbour-Jacke oder einen Burberry-Mantel plus die obligatorischen Segel- oder College-Schuhe (gerne auch mit Bommel). Popper.

Die noch Älteren unter uns erinnern sich noch an ihn: den Mann, der so gar nichts davon hielt, dass man glaubte, aus einer Reihe von Einzelbeobachtungen eine große Regel ableiten zu können und die dann auch noch als wissenschaftliche Theorie zu deklarieren. Für ihn waren diese Theorien einfach nur Spekulationen, die Beobachtungen lediglich Beobachtungen, deren Bedeutung sich erst ergibt, wenn sie empirisch nicht widerlegt werden konnten. Zudem war er entgegen der großen Masse anderer Denker der Meinung, dass eine Annahme eben keine Begründung brauche, sondern sie auch ohne gilt und zwar eben so lange, bis ein logischer Widerspruch zu den Tatsachen vorliegt. Karl Popper.

Und schon jetzt kommt die Frage auf: „Bitte, was hat das alles mit dem Spiel zu tun?“

Zugegeben, noch nicht so viel und so viel mehr wird es auch nicht, aber letzte Woche gab es was zur/aus der Spieltheorie, heute geht’s halt mehr in Richtung „Spiel und Philosophie“, zumal wir ihn, Karl Popper, mit seinem vielleicht bekanntesten Spruch in unserem Trailer zum Spiel zitierten:

„Optimismus ist Pflicht!“

Und den hatten wir. Nicht nur, weil auch jede Negativserie mal reißen muss, sondern weil es so ist. Dabei muss man aber wissen, was Herr Popper damit meinte. Er meinte damit nicht: „Wird schon!“ Das wird klar, wenn man sich das Zitat in Gänze zu Gemüte führt:

„Optimismus ist Pflicht.
Man muss sich auf die Dinge konzentrieren, die gemacht werden sollen
und für die man verantwortlich ist.“

In dem Sinne kann ein Fußballfan kein Optimist im Popper’schen Sinne sein, da er keinen Einfluss auf das Ergebnis hat. Er ist dafür nicht verantwortlich.

Dennoch fühlen sich viele Fußball-Fans so, weshalb sie sich darauf konzentrieren, ihre Spieltagsrituale einzuhalten, von denen sie sich positive Auswirkungen auf die Zukunft, sprich: das Spiel versprechen. Auch das ist im Sinne von Popper:

„Wir müssen einen ganz scharfen Schnitt zwischen der Gegenwart, die wir beurteilen können und sollen, und der Zukunft, die weit offen ist und von uns beeinflusst werden kann. Wir haben deshalb die moralische Pflicht, der Zukunft ganz anders gegenüber zu stehen, als wenn sie etwa eine Verlängerung der Vergangenheit und Gegenwart wäre.“

Also doch so etwas wie „Wird schon“, allerdings eben mit eigenem, positivem Zutun.

Der Hoffenheim-Fan als solcher entspricht dem weniger. Er sieht sich ja selbst als „kritisch“ oder als „Realist“, weshalb er im Vorfeld zu diesem Spiel nicht daran glaubte, dass wir das Spiel gewinnen würden. Und dafür hatte er „Gründe“:

  • Beck gesperrt (obwohl einige der Zyniker es sich nicht verkneifen konnten, dies auch als positives Signal zu sehen, womit sie in größerer Runde auch größeren Zuspruch in gutturaler Form erhielten)
  • Volland gesperrt
  • vier verlorene Spiele in Folge
  • Gegner mit einem neuen Trainer
  • neuem Zuspruch der Fans
  • volles Haus.

Diese „Gründe“ sind keine, bestenfalls Beobachtungen, die zum Teil auf eigenen Erfahrungen beruhen, denn wir wissen ja, was der letzte Trainerwechsel bei uns bewirkte. Aus diesen Beobachtungen und persönlichen Erfahrungen eine allgemein gültige Vorhersage über die Zukunft abzuleiten, widerspricht Popper (s.o.). Zumal dem ja auch eine Lebenseinstellung zugrundeliegen scheint, die den 1994 in London verstorbenen Philosophen noch mehr erzürnte:

„Wir im Westen leben gegenwärtig in der besten sozialen Welt, die es je gegeben hat – und zwar trotz des Hochverrates der meisten Intellektuellen, die eine neue Religion verkünden, eine pessimistische Religion, dergemäß wir in einer moralischen Hölle leben und an physischer und moralischer Verschmutzung zugrundegehen. Diese pessimistische Religion ist eine krasse Lüge…“

(Das Zitat stammt aus dem Jahre 1991. Wer will, kann im 2015er Index des Sozialen Fortschritts (SPI) eine Bestätigung dieser Aussage aus dem Jahre 1991 sehen. (Darin liegt Deutschland übrigens auf Platz 13, direkt vor Japan und den USA und weit vor Frankreich, Italien, Vereinte Arabische Emirate und Mauritius. Platz 1-3 belegen Norwegen, Schweden und die Schweiz.))

Dieser Pessimismus war deutlich im Vorfeld zu spüren. Und selbst kurz nach dem Anpfiff wurde es kaum besser und das, obwohl wir nach genau 60 Sekunden, bereits mit 1:0 führten. Modeste verwandelte den im Grunde Querschläger Firminos aus wenigen Metern und ehrlicherweise recht deutlicher Abseitsstellung.

Die Freude unter den Fans war groß, aber sie währte nicht lange – und das gerade aufgrund der Spielzeit und obwohl dies unserem Spiel nur gut tun müsste, da der Gegner nun, motiviert durch die äußeren Umstände, insbesondere der Heimkulisse, mehr auf Angriff gehen würde, was uns wiederum mehr Möglichkeiten zu kontern geben müsste.

„Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen.“

Die Hannoveraner taten das, wir allerdings nicht, was den Ausfällen geschuldet war. Rudy ersetzte Beck in der Außenverteidigung und Szalai Volland; beides Faktoren, die unser Umschaltspiel, das seit geraumer Zeit ja schon von Ungenauigkeit geprägt ist, auch noch langsamer machte.

So besaßen die Hausherren sehr oft den Ball und ein optisches Übergewicht, aber wirkliche Gefahr für/auf unser Tor entwickelten sie selten. Im Grunde gelang es unserem Team nicht immer souverän, dafür mit sehr viel Einsatz, den Gegner vom Tor fernzuhalten.

Der Ausgleich fiel dann auch durch einen Elfmeter, der in den Medien allenthalben als zu Recht gegeben eingestuft wurde. Wir erlauben uns hier eine Mindermeinung. Selbstverständlich konnte man ihn nach unserer deutschen Journalisten Sicht auf den Fußball geben, doch im Grunde war es rein faktisch nur ein harter Zweikampf um den Ball, bei dem Strobl sogar früher am Ball war.

„Niemand ist gegen Irrtümer gefeit; das Große ist, aus ihnen zu lernen.“

Fakt ist: Die Aktion wurde gepfiffen, Strobl mit Gelb verwarnt, der Elfmeter verwandelt, der Pessimismus brach sich Bahn, aber entgegen der Erwartungen der Schwarzseher unsere Mannschaft nicht auseinander.

Im Gegenteil: Wir spielten geduldig, ohne zu glänzen. Aus dem Spiel selbst entwickelte sich wenig, aber so nach und nach nutzten wir die Gelegenheiten, die sich für uns aus der Vielzahl von Freistößen aus dem Mittelfeld ergaben. Firminos Kopfball geriet dabei vielleicht zwei Zentimeter zu lang, Innenpfosten, die Linie entlang, und Modestes Fuß war vielleicht zwei Zentimeter zu kurz, so dass nur er und nicht der Ball im Netz landete.

Darüber hinaus konnte ein Freistoß von uns durch die Hannoveranersche Abwehr nur unter Zuhilfenahme eines Arms abgewehrt werden, was aber der Schiedsrichter nicht oder zumindest anders sah.

Ohnehin schien der Mann viele Dinge anders zu sehen, nicht nur als wir, das ist ja in Ordnung, sondern abhängig vom Trikot. Es war ein sehr zerfahrenes, kampfbetontes Spiel mit sehr vielen Unterbrechungen, aber halt auch sehr, sehr vielen Ermahnungen an die Hannoveraner Spieler, während er im Gegensatz dazu sehr schnell bei uns zu Verwarnungen griff.

Wir sind uns sicher, er wird noch ein guter Schiedsrichter, vorausgesetzt, er ist Popperianer:

„Selbstkritik und Aufrichtigkeit sind die erste Pflicht im Berufsleben.“

Doch auch das brachte unser Team nicht aus dem Konzept. Es hielt weiter wacker dagegen und wartete auf seine Chance und die kam dann auch und diesmal war sie drin, weil er sie reinmachte, der erst seit kurzem drin war.

Markus Gisdol wartete lange mit den Wechseln, was bei einer solchen Konstellation, wo man sehr viel defensiv arbeiten muss, richtig ist, um durch einen Wechsel und gegebenenfalls eine Umstellung Unordnung in die Struktur zu bringen, denn auch wenn nicht alles immer top funktionierte, es funktionierte. Hannover kam nur selten in den Strafraum oder gar zu Torschusschancen.

Dann aber kam Schipplock und alles atmete auf, denn jeder, wirklich jeder hoffte und erwartete, dass Szalai ihm Platz würde machen müssen, aber es war der Torschütze, der weichen musste.

Verstanden hat diesen Wechsel niemand, weil Szalai bis dahin nichts, aber auch gar nichts zu Wege brachte – und auch sich nicht in Position oder gar in die Lüfte. Wenn es ein Kontinuum in diesem Spiel gab, dann war es das, dass der Ball, war er bei Szalai, kurz drauf im Aus oder beim Gegner war.

„Durch unser Wissen unterscheiden wir uns nur wenig, in unserer grenzenlosen Unwissenheit aber sind wir alle gleich.“

Gefühlt gewann der Mann im ganzen Spiel keinen einzigen Zweikampf. Falsch: einen, den alles entscheidenden. Wunderbar von Firmino in Szene gesetzt, setzte sich Szalai gegen seinen Gegner durch und chipte den Ball mit links auf den langen Pfosten über die Abwehr hinweg in den freien Raum, in den dann Schipplock vorstieß und einköpfte.

Wunderbar herausgespielt. Wunderbar effizient. Wunderbarer Sieg, mit dem wir (jetzt anders gemeint) wunderbarer Weise wieder auf Platz 7 nur noch zwei Punkte hinter Platz 5 stehen.

Nächste Woche geht es gegen Borussia Dortmund. Platz 8. Und wenn man nach den Ergebnissen der letzten Wochen geht, wohl als einzige Mannschaft, die wirklich scharf darauf ist, in der Europa League zu spielen.

„Alles Leben ist Problemlösen.“

Wir bleiben also optimistisch im Sinne von Popper. Aber: Sollte es anders ausgehen, dann wäre das halt so – und auch nicht so schlimm, denn …

„Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produzierte stets die Hölle.“

Wie zum Beispiel die Schulterpolster der Popper. :-)


P.S.:  Heute feiert Dietmar Hopp seinen 75. Geburtstag. Und da es ohne ihn auch uns nicht gäbe, gibt es heute kein den Text unterstützendes (Musik-)Video im Header, sondern den Glückwunschclip der TSG. Wirklich sehr nett. Sehr herzlich. Auch von uns: Herzlichen Glückwunsch!

Wer zudem Lust auf ein lustiges Lied zur Philosophie hat, den wollen wir auch nicht enttäuschen: Klickt hier für Monty Pythons „Philosopher’s Song“

 

Bild: Tim Rademacher

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