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Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim Rhein-Neckar Heidelberg 2007 e. V.

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1899 Hoffenheim vs. Beşiktaş Istanbul

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GÜLLE! GÜLLE!

Kein Kackkick, aber trotzdem scheiß Ergebnis!

Geneigte/r Leser/in,

auch wenn uns nach der erneute 2:3-Niederlage alles andere als zum Lachen ist, darf man seinen Humor nicht verlieren. Eine ernste Lage wird nicht dadurch besser, dass man verbittert. (Falls du Kontakt zu Herrn Ilzer hast, leite es ihm bitte weiter. Seine Worte klangen schon etwas so.)

Ein Österreicher befand nach seinem Englandbesuch:

„Die Engländer sanns narrisch: Zu „i“ sagen’s „I“, zu „Ei“ sagen’s „egg“, zu „Eck“ sagen’s „corner“ und zu „koana“ sagen’s „nobody.“

Jetzt magst du einwenden, dass der Gag besser zum noch ausstehenden Spiel gegen Crystal Palace passen würde, nicht zum Kick gegen Besiktas Istanbul, aber es geht uns nicht um den Gag, uns geht es um das Muster, denn das lässt sich auch aufs Türkische übertragen.

„Türkisch ist seltsam. Zu „Partner“ sagen sie „eş“?“
„Echt jetzt?“
„Ja, und dazu sagen’s „Çüş“, zu „Tschüss“ sagen’s „Gülle“ und zu „Gülle“ sagen’s „hayvan gübresi“.

Und eine schöne hayvan gübresi war das Spiel, vor allem die zweite Halbzeit – und natürlich das Ergebnis.

Und dabei freuten wir uns so auf einen Leckerbissen:

Und es ließ sich auch eigentlich sehr gut an. Die TSG hatte von Anfang an Biss.

Es ging fulminant los mit einem Kopfball an den Pfosten. Kurz darauf platzierte Hlozek den Ball schön am/über den Keeper vorbei – ans Außennetz. Und hätte sich Kramaric in der Nachspielzeit des ersten Durchgangs keinen Bock geleistet, hätte der Tabellenzweite der SüperLüg in der ersten Halbzeit gar keine Torchance gehabt.

Dabei waren wir nicht drückend überlegen; wir dominierten auch nicht das Spiel, aber wir ließen uns auch nicht dominieren. Auf jede Phase der Gäste wussten wir variabel zu reagieren, so dass das torlose Unentschieden zur Halbzeit im Großen und Ganzen in Ordnung ging, obwohl es auch völlig in Ordnung gewesen wäre, wenn es mit 1:0 für uns in die Pause gegangen wäre.

Das machte nämlich Spaß, unserer Mannschaft zuzuschauen. Avdullahu spielte etwas defensiver, wodurch er viel aktiver und kreativer im Spielaufbau involviert war. So lief der Ball ganz gut zwischen unseren Reihen, und der Gegner jenem viel hinterher.

Das war schon beeindruckend – und ehrlicherweise nach den beiden letzten Ligaspielen überraschend. Da war Präsenz auf dem Platz, die nicht nur der Stärke des Gegners, sondern auch der Lautstärke seiner Fans trotzte.

Ja, für solche Abende, für solche Erlebnisse, lohnte sich die Qualifikation für die Europa League. Das war schon etwas sehr Besonderes.

Dabei war es nicht nur die schiere Masse. Dass sich in Hoffenheim so manches Heimspiel wie ein Auswärtsspiel anfühlt, ist nicht neu. Neu war für uns, wie laut das Stadion sein kann. Das war schon beeindruckend – und das waren „nur“ 12.000 – 14.000 Leute.

Auch wenn wir den neuen Modus der UEFA-Wettbewerbe sehr schätzen, ärgert es schon ein wenig, dass es gegen diesen Gegner in der Spielzeit kein Rückspiel geben wird. Im heimischen İnönü-Stadion (heute offiziell: Tüpraş Stadyumu) mit seiner Kapazität von rund 43.000 Zuschauer wurde 2007 wurden beim Champions-League-Spiel gegen Liverpool 132 dB gemessen (entspricht einem Düsenjetstart, einem Formel 1-Wagen mit V10-Motor, militärischen Sirenen).

Ein gewisser Timo Werner ließ sich dort 2017 im Spiel mit RB Leipzig wegen des extremen Lärms und Kreislaufproblemen auswechseln, obwohl er Ohrstöpsel trug.

Die SNP Arena erreichte gestern Abend immerhin zwischenzeitlich erstmals Lambo-Level. Ziemlich genau nach einer Stunde.

Es schien, als ob die Gäste nicht in der Kabine, sondern in der Box waren, ihre Maschine auseinandernahmen und sie frisch geölt sowie sichtlich feingetuned wieder ins Rennen schickte. Die Türken schienen plötzlich weitere Gänge (und Passwege) gefunden zu haben und sie schalteten entsprechend hoch.

In der 56. Minuten hatten sie ihren ersten ernstzunehmenden Torschuss, in der 58. den zweiten und der dritte war drin.

Den Gästen gelang urplötzlich das, was uns eigentlich das ganze Spiel über nicht gelang: Sie kamen hinter die letzte Reihe – und entsprechend zu Chancen.

Wir hingegen haderten oft genau an diesem Übergang. Gute Kombinationen bis vors letzte Drittel, aber dann gerieten die meisten Angriffe ins Stocken. Coufal und vor allem Daghim wollten oder konnten einfach nicht bis zur Grundlinie durchziehen, sondern passten dann quer, wo man sich dann mit Kurzpassspiel versuchte, scheiterte und damit Konterchance um Konterchance einleiteten.

Dennoch kamen wir zum Ausgleich durch just den Mann, bei dem die (Ballan- und -mitnahme-)Technik das ein ums andere Mal versagte: Asllani.

Aber warum nicht mal ein Tor aus dem Nichts schießen als eines zu kassieren?

Die Freude hielt allerdings nicht lange. Keine fünf Minuten später stand es 1:2, und keine zehn Minuten später danach 1:3, und jedes Mal durch einen Konter. Das war alles maximal ärgerlich, andererseits war die Art und Weise, wie die Gäste diese Tore erzielten, mit welcher Ballsicherheit, Passschärfe und Präzision auch beeindruckend. Bei allem Groll über das Ergebnis und dem Hadern mit wem oder was auch immer, muss man immer auch dem Gegner Respekt für sein Können und seine Leistung zollen – und in den Punkten waren sie uns einfach deutlich überlegen.

Aber warum?

Wir wechselten zur Halbzeit kein Mal (die Gäste ein Mal) und kaum, dass wir es taten (59., Lemperle für Hlozek, Prass für Daghim) ging das Torfestival los. Aber daran lag es nicht.

Vielleicht lag es daran, dass man sich an der Kultur des jeweiligen Landes orientierte – und was prägt eine Kultur mehr als ihre Sprache?

Über das Deutsche gibt es ja viele Vorurteile. Zum Beispiel, dass die deutsche Sprache extrem präzise sei oder man Worte so ausspreche, wie man sie schreibe. Alles falsch.

Was macht ein Zitronenfalter? Wie bewegt sich ein Ohrwurm? Und beschreibt ein Jungfernflug wirklich eine in der Luft schwebende Gruppe von Frauen mit gänzlich intaktem Hymen?

Zum einen. Zum anderen kann c ausgesprochen werden wie k oder wie z, wobei z fast immer wie ts ausgesprochen wird. So wie x als ks. Oder ch: Mal ist es brachial, wie z. B. in brachial, mal ist es weich wie in, naja, weich – und nie isses kh. Oder sch. Das hat einen ganz eigenen Klang, den es auch in Worten gibt, die mit sk beginnen, wie z. B. Ski, aber nicht immer, wie in Skelett. Dasselbe gilt für sp und st. Mal ist es so (Spa, Star (wenn es einen VIP bezeichnet)), mal nicht (Spaß, Star (wenn der Vogel gemeint ist)). Oder v. Dafür gibt es gar keinen eigen Klang, sondern mal klingt es wie f (verboten), mal wie w (versiert). ng ist auch nie ng, sondern meist nj und ei meist ai. Oder y. Mal klingt es wie j (Himalaya), mal wie i (Hobby), mal wie ü (Hymne): Und ü ist auch nicht immer ü, sondern auch mal ui (Duisburg).

Ja, klar, das hat was mit den verschiedenen Herkünften der Worte zu tun, aber nichtsdestotrotz zeigen die Beispiele, dass die Aussage, im Deutschen würde alles so geschrieben wie gesprochen, nicht ganz richtig ist.

Im Türkischen aber ist das so. Das wird so ausgesprochen wie es geschrieben wird. Dafür gibt es ganz eigene Buchstaben wie z. B. ç, ı, ğ, ş.

Seit 1928. Da schaffte Atatürk das Arabische als Schriftzeichen ab und führte das lateinische Alphabet ein, passte dieses aber der Phonetik der Sprache an, so dass die Sprache eben ganz eigene Schriftzeichen (Buchstaben) hat. (OK, hat das Deutsche auch („ß“), aber das hat keine phonetischen Gründe.)

Und alles, was aus anderen Sprachen kommt, wird angepasst: So schreibt man im Türkischen T-Shirt tişört, und Strand schreibt man auf Türkisch plaj, was ebenso klingt wie das französische Wort für Strand (plage).

Hätten wir im Deutschen dieselben Buchstaben wie das Türkische läse sich der folgende Satz

„Ob wir ins Stadion gehen oder in den Dschungel und klatschen oder zuhause bleiben und schlicht nix tun, es ist ganz allein unsere Sache, was wir schön finden und wie vehement, konsequent oder non-chalant wir die Zeit verbringen, die uns zur Verfügung steht.“

so (ungefähr):

„Ob vır ıns Stadiyon gehn oder ın den Çungel und klatşen oder zuhause bleıben und şliht nıks tun, es ıst gants alleın unsre Sahe, vas vır şön fınden und vı vehement, konsekwent oder noğ-şalant vır dıe Tsayt ferbrıngen, dı uns zur Ferfügung steht.“

Doch das sind Feinjustierungen. Diese allein können es nicht gewesen sein, obwohl ein italienischer Trainer dies sehr gut nachvollziehen kann, ist es doch im Italienischen (fast) genauso wie im Türkischen (außer gli, glo, h, sc)). Es war was Größeres und es gibt etwas Größeres zwischen dem Deutschen und dem Türkischen – und das lässt sich sogar sehr gut auf Fußball übertragen.

Das Deutsche ist rückwärtsgewandt, d.h. wir haben eine „regressive Vokalanhebung“ – und durch diese auch die vielen Umlaute.

Bei vielen Worten verändert sich der Stammvokal je nach Vokal der Folgesilbe: Gast – Gäste, Mann – Männer, Boden – Böden, Mutter – Mütter (im Althochdeutschen gab es bei beiden mal eine Folgesilbe und in der war ein i“). Aber auch bei Verben kann man das noch erkennen: geben – gibt, helfen – hilft, saufen – säuft) Am deutlichsten ist die regressive Vokalanhebung in der Veränderung von Substantiv zu Adjektiv: Schande – schändlich, Bauch – bäuchlings, Wort – wörtlich, dumm – dümmlich.

(Dämlich leitet sich aber nicht von Dame ab, sondern von dem heute ausgestorbenen dämeln oder dammeln (verwirrt sein, nicht ganz bei Trost sein.)

Das Türkische hingegen ist vorwärtsgerichtet, d.h. es besitzt eine „progressive Vokalharmonie“.

Hier bestimmt der Stammvokal den Vokal der Folgesilbe – und die Folgesilbe kann zum Beispiel den Plural zeigen (-l*r), z. B. araba – arabalar (Auto – Autos) ekmek – ekmekler (Brote – Brote) oder eine Präposition sein (die wird im Türkischen an das Bezugswort drangeklatscht, während sie im Deutschen davor steht), z. B. –l* (mit) wie bei şeker – şekerli („(mit) Zucker“), tuz – tuzlu („(mit) Salz“), oder -s*z (ohne) wie bei şeker – şekersiz („(ohne) Zucker“),  tuz – tuzsuz („(ohne) Salz“).

Ja, ungeneigte/r Leser/in, das mag dich nicht interessieren und dir zu weit hergeholt erscheinen, aber denkst du, dass das, was dir gedanklich näher deucht („Der Trainer hat versagt.“, „Die Mannschaft ist satt.“, „Die solle mea renne!“), richtiger ist?

Gewiss deucht dir dem so, aber ist dem so?
Google mal „confirmation bias“. 🙂

Natürlich schaut man vor allem aufs Ergebnis. Aber das taugt ja nichts zur Analyse. Also muss man sich die Sachen aus allen möglichen Perspektiven anschauen und unvoreingenommen (!!!) alles anschauen. Zum Beispiel das Spiel selbst und insbesondere die zweite Halbzeit. Während oben erwähnt Daghim und Coufal nicht durchliefen und dann eher quer- oder zurückspielten (regressiv), spielten die Gäste schnurstracks nach vorn (progressiv). Das Spiel der TSG war von Anpassung geprägt, das von BJK von Harmonie.

Bei der Art und Weise, wie die TSG spielt, veranlasst die Bewegung des Gegners oder der Zielraum weiter vorne die hintere Kette, sich anzupassen oder aufzurücken. Setzt z. B. ein gegnerischer Stürmer zum Anlauf an, schiebt die komplette Abwehrkette um 15 Meter nach vorne und „hebt“ das gesamte Mittelfeld eine Etage höher an, um die Räume eng zu machen – genau wie der deutsche Umlaut den Stammvokal eine Etage höher hebt.

Bei Besiktas bestimmt der erste Pass des Innenverteidigers die „Klangfarbe“ des gesamten Angriffs. Achter und Flügelstürmer müssen ihre Laufwege automatisch harmonisch anpassen. Die Grundstruktur des Teams zwang uns dadurch ihr System auf – wie ein türkisches Suffix, das sich dem Stammvokal unterwerfen muss.

Der Mannschaft ist hoch anzurechnen, dass sie sich insgesamt nicht unterwarf. Die Hereinnahme von Conté war ein echter Gewinn für unser Spiel. Leider hatten wir auch bei der 2. Einwechslung das große Pech, dass direkt danach ein Treffer für die Gäste fiel (1:2).

Doch auch nach dem 1:3 nahm sich unser Neu-Nationalspieler das ein oder andere Herz und versuchte die seinen durch mutiges und engagiertes Spiel nach vorne, der drohenden Niederlage was entgegenzusetzen. Mit Erfolg. In der 88. Minute gelang Machida mit einem wunderschönen Kopfball sogar der Anschluss. Es flackerte kurz Hoffnung auf, dass wir das Spiel nicht mit unserem Standardergebnis dieser Spielzeit beenden würde. Aber dabei blieb’s.

Ja, vom Ergebnis her war es wie fast immer. Aber die Art und Weise war eine andere. Und lässt einen doch den Glauben nicht verlieren, dass wir das nächste Spiel gewinnen.

Wird schwer genug. Auch psychisch. Dazu zählt natürlich auch der Hohn in den Medien sowie der Spott der türkischen Gäste, die nach dem Spiel auf deutsch „Auf Wiedersehen!“ skandierten.

Die einzig richtige Antwort darauf ist erstens „Evet!“ („Ja!“) zu sagen, würden wir euch gerne. Denn es hat Spaß gemacht – bis auf das Ergebnis, und zweitens auf gut deutsch laut „GÜLLE! GÜLLE!“ zu schreien.

Weiter T S Geht’s!

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