1899 Hoffenheim vs. Bayer 04 Leverkusen
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Weitere InformationenJubel, Trubel, Heiserkeit.
Nach dem Sieg gegen Bayer lassen die Kopfschmerzen etwas nach.
Drei Siege in einer Woche. Daran kann man sich gewöhnen, zumal die Siege immer beeindruckender wurden.
War es am vergangenen Wochenende noch ein ziemliches Gegurke, als wir als Tabellenvorletzter beim bis dahin punktlosen Tabellenletzten unseren zweiten Saisonsieg holten, war es vergangenen Donnerstag bei unserem ersten Sieg in der UEFA Europa League gegen den Tabellenführer der Ligue 1 schon wesentlich überzeugender, auch wenn wir da gewiss von Hybris und Rotation des Gegners profitierten, und nun, keine drei Tage später der nächste Dreier, der dritte Sieg in Bundesliga und Woche, mit erneut 3:0, mit dem wir uns vom Abstiegsplatz auf Schlagdistanz zur UEFA Europa League brachten: mit nur drei Punkten Abstand auf Platz 5 liegen wir nun auf Platz 10.
Und bei aller Euphorie muss man auch hier die Lieblingsfrage der Deutschen stellen: die Schuldfrage.
Und bei aller Liebe zu einfachen Antworten, ist uns wohl bewusst, dass derartige Antworten bisweilen gravierend unterkomplex sind – und falls nicht, sind sie unlustig banal – und das mögen wir gar nicht. Das heißt aber nicht, dass wir die Frage nicht massentauglich knapp beantworten können. Also tun wir das: „Ausländer!“
Nun du, geneigte/r Leser/in, wirst wissen, dass wir Impulskontrolle sehr wichtig finden. Bei aller Liebe zu Emotionalität braucht es Rationalität als Vorfilter der Verbalität. („Erschd dennge, dann schwettze!“)
Und natürlich, auch das wirst du wissen, geneigte/r Leser/in, neigen wir dazu, Menschen dergestalt zu provozieren, dass wir ihnen einen Spiegel vorhalten.
Was sie mit diesem machen, ist selbstverständlich ihre Sache. Sie können ihn weglegen, aber auch sich darin betrachten – und wenn sie da nun eine Fratze erkennen, in der sich Hass und Dummheit widerspiegeln (sic!), sind wir natürlich schuld – an der Erkenntnis – und das ist ja ohnehin das Ziel all unseres Werkelns hier: Wir wollen die Menschen klüger machen – und schöner, z. B. durch ein Lächeln.
Die einfache Wiedergabe eines Spielverlaufs, die profane Aneinanderreihung von sowohl pointenfreien Fakten als auch primitiven (!) Beleidigungen und/oder provokante Überschriften um ihrer selbst willen sind unser Ding nicht. Dafür gibt es Fachmedien und Foren. Das bringt uns zwar das ein ums andere Mal den Vorwurf der Überheblichkeit ein, aber Überlegenheit sieht bekanntlich nur von unten aus wie Arroganz. 🙂
„Ausländer!“
Das ist unsere Antwort auf die Schuldfrage. Und wer nun einspeichelt und innerlich „Jawoll!“ schreit oder die Lava der Empörung in sich kochen spürt, sollte dringend an seiner (ihrer) Reflexhaftigkeit (aka Impulskontrolle) arbeiten und sich fragen, woher diese Pawlow’sche Reaktion rührt.
Ein vorletzter Schlenker:
Im Vorfeld zu dieser Partie gab es auf dem größten TSG-Fanforum auf Facebook einen Beitrag, der mit diesem Bild garniert war:

Der Autor des Beitrags echauffierte sich aber nicht über die fehlerhafte Orthografie der RNZ („Sie“ statt „sie“), sondern darüber, dass nur zwei Deutsche unter den genannten Spielern seien, was für ihn die Erklärung dafür ist, dass es mit der deutschen Nationalmannschaft nicht so gut laufe.
Das kann, muss man aber nicht intellektuell werten, die rationalen Defizite dieser „Argumentation“ kann, muss man aber nicht ausführen (Wir taten es. Hier nachzulesen.) und selbstverständlich ist so eine Sichtweise a) von Artikel 5 GG gedeckt, aber b) eine Pawlow’sche Reaktion. (Hund, Klingel, Speichelfluss)
Das meinen wir natürlich nicht. Wir meinen aber auch nicht die beiden nicht-deutschen Trainer der beiden Mannschaften, obwohl sie natürlich federführend verantwortlich sind für Auftreten und Spielweise ihrer Teams – und beides war bei beiden wirklich großartig. (Ja, neue/r Leser/in, du spürst richtig: Wir nähern uns dem Spiel.)
Ein letzter Schlenker:
Juncker, Jean-Claude Juncker. Ihn, den Vorgänger Ursula von der Leyens als Präsident der Europäischen Kommission (2014-2019), meinten wir mit “Ausländer“. Nun gut, wir hätten auch Roy Jenkins (EU-Chef von 1977-1981) nennen können, denn er hat es eingeführt, aber halt auch nicht mehr. Juncker hingegen hat sich aufgetan als der große Reformator, als Mann des Volkes, als Freund der Demokratie, er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Volk ab- und bestimmen zu lassen – und alles nicht nur wohl wissend, sondern wohlwissend, dass sich nichts ändern wird, man ihn dafür aber nicht verantwortlich machen kann.
Die etwas bibelfesteren Leserinnen und Leser fühlen sich hier gewiss an Pontius Pilatus erinnert. Wozu? Zu Recht!
Das war schon ganz großer Sport von dieser Polit-Legende, von der so viele legendäre Zitate überliefert sind:
„Wenn es ernst wird, muss man lügen.“
„Wir wissen alle, was zu tun ist, wir wissen nur nicht, wie wir danach wiedergewählt werden sollen.“
„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“
Vom 4. Juli bis 16. August 2018 fand eine EU-weite Online-Konsultation statt, an der rund 4,6 Millionen Bürger teilnahmen und rund 84 Prozent der Teilnehmer für die Abschaffung der Sommerzeit votierten. Am 26. März 2019 stimmten die Europaabgeordneten mit großer Mehrheit ebenfalls dafür, die saisonale Zeitumstellung zu beenden. Umgesetzt wurde die Abschaffung bekanntlich bis heute nicht – unter anderem deshalb, weil sich die EU-Mitgliedstaaten im Ministerrat nicht auf eine einheitliche Regelung einigen konnten, insbesondere darüber, ob dauerhaft die Sommer- oder die Normalzeit/Winterzeit gelten soll.
Und damit hatten die Spieler gestern eine Stunde mehr Zeit, sich zu erholen.
Ja, auch diese These dürfte sich wissenschaftlich nicht halten können, denn ihre Kausalität ist wohl kaum nachvollziehbar und wiederholbar (nichts anderes macht Wissenschaftlichkeit aus) zu beweisen, aber für uns war die Zeitumstellung zumindest EINE Erklärung dafür, wie fit beide Mannschaften dafür waren, dass keiner der Spieler am Freitag vor 2 Uhr morgens in den wohlverdienten Schlaf gefunden haben dürfte.
Anpfiff.
Los ging’s – und wie. Allein in den ersten zehn Minuten dieser Partie gab es von unserer Mannschaft mehr Torabschlüsse als im gesamten Spiel der Vorwoche. Die Spieler liefen, das Bällchen lief und insgesamt nur sehr wenig schief. Es war wirklich beachtlich, wie es unserer doch eigentlich psychisch gebeutelten Mannschaft gelang, die psychisch wesentlich stabiler disponierte Mannschaft vom Niederrhein vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Die Gäste hatten erstaunlich wenig Chancen und wenn, basierten sie auf Fehlpässe unsererseits im Spielaufbau. Dafür kamen wir überraschend oft in sehr gute Positionen, ein Tor zu erzielen, wenngleich die ganz, ganz großen Chancen ausblieben. Aber die ein oder andere hätte bei besserer Feinjustierung der Fuß- und Körperhaltung auch zu einer Veränderung auf der Anzeigetafel führen können. Hätte, hätte, war nicht so – und dann war Halbzeit.
Ein sehr, sehr ansehnliches 0:0, was uns allerdings nur bedingt gut tat, erinnerten wir uns doch an die bisherigen Spiele dieser Spielzeit, die wir allesamt in der 2. Halbzeit vergeigten. Die Gäste hingegen haben nur ihr erstes Spiel verdaddelt – interessanterweise auch gegen einen im Grunde Dorfverein – und sich seitdem nicht nur stabilisiert, sondern sich auch kontinuierlich verbessert.
Und ähnlich wie am Donnerstag kam auch dieser Gegner mit mehr Elan (und etwas Verzögerung) aus der Kabine. Die optische Dominanz war weg. Zwar kippte das Spiel nicht komplett, aber offensiv ging deutlich weniger bei uns. Dafür – und das ist natürlich ein Riesenpluspunkt – wurden wir defensiv stabiler. Unter anderem ließen die Fehlpässe im Spielaufbau nach, was aber natürlich auch damit zu tun hatte, dass wir insgesamt seltener zu einem geordneten Spielaufbau kamen.
Die Kunst eines Künstlers liegt aber nicht in der Kunst der Wiederholung – also zumindest auf dem Fußballplatz. (In Theatern, Konzertsälen, Kalligrafiestudios und Produktionshallen ist ja gerade die Wiederholung von Perfektion die große Kunst.) Auf dem Rasen ist Improvisation gefragt, die Fähigkeit, eingeschlagene Wege zu verlassen, um auf neuen Wegen zum ersehnten Ziel zu kommen. Zwar droschen wir nicht mit Sensen durchs Unterholz, aber so manchen Ball wild nach vorn, ohne dabei Bruder Langholz alleine zu lassen. Die Mannschaft rückte konsolidiert und kompakt nach, so dass es uns gelang, die erste Pressinglinie der Gäste zu überwinden, so dass diese sich ebenfalls bis an die Mittellinie zurückziehen musste.
In der 80. Minute stand diese sogar am eigenen Sechzehner. Olis Freistoß (tief aus unserer Hälfte) überwand auch diese, landete in deren Sechzehner, fast perfekt auf Asllanis Fuß, der allerdings bei der Ballannahme hinfiel – was allerdings nicht an seinem Unvermögen lag, wie es erst aussah, sondern am Tritt des Gegenspielers, was der VAR erkannte. Strafstoß. Kramaric lief an, Panenka, drin.
Zeit für Romantik
- Am 31. Januar 2016 stand Andrej Kramaric das erste Mal für die TSG Hoffenheim auf dem Platz. (0:2 gegen Bayern München.)
- Am 13. Februar 2016 erzielte er sein erstes Tor in der Fußball-Bundesliga (1:0 gegen Werder Bremen, Endstand 1:1). Es war das 381. Bundesliga-Tor der TSG.
- Am 10. Februar 2018 erzielte er das 500. Bundesliga-Tor der TSG (per Freistoß zum Endstand von 4:2 gegen Mainz 05).
- Der verwandelte Elfmeter gestern, am 25. Oktober 2026 markierte das 1.000. Bundesliga-Tor der TSG.
Sollten die Zahlen stimmen (es sind übereinstimmende Informationen von zwei KIs), hieße das (und selbst, wenn sie nicht ganz stimmen, ändert das im Wesentlichen nichts an ihrer brutalen Kraft):
- Andrej Kramaric hat seit dem 31. Januar 2016 von 363 Bundesliga-Partien der TSG 318 bestritten (87,6 %).
- In diesen 363 Spielen schoss die TSG 622 Tore.
- Davon schoss er 141, d.h. fast jedes vierte (22,67%).
Kein Wunder nennt man ihn seitens des Vereins den TSGoat.
Als er vor zwei Jahren auf unserer Weihnachtsfeier war, haben wir ihn als „König“ ausgezeichnet:

Und wie es einem König (Kralj) gebührt, war das auch die perfekte Inszenierung für

- Heimspiel
- Solo
- nach Einwechslung
- vor der eigenen Fankurve
- Führungstreffer
Übrigens, er ist noch ein Beleg dafür,
dass „Ausländer“ Schuld sind am Erfolg der TSG. 🙂
Und es waren ja „erst“ 80 Minuten gespielt.
Weiter geht’s …
Die Gäste mussten nun offensiv mehr tun, was alle wussten, aber unseren Trainer nicht dazu verleitete, defensiver auftreten zu wollen. Unter anderem wechselte er Conté ein sowie Moerstedt, der in der bisherigen Saison noch keine so große Rolle spielte, aber in den letzten Minuten die entscheidenden.
Zuerst gewann er ein Doppelkopfballduell an der Mittellinie gegen seinen Gegenspieler in zweifacher Hinsicht: a) konnte er den Ball zum Mitspieler weiterleiten, b) stand er nach dem vehementen Zusammenstoß der beiden Schädel wieder auf, während sein den Zusammenstoß verursachenden Gegner auf der Trage den Platz verlassen musste.
Die Gäste hatten zu dem Zeitpunkt ihr Wechselkontingent schon ausgeschöpft, so dass sie nur noch zu zehnt weiterspielen konnten, was aber kein Nachteil für sie war, denn wir durften nur noch zu zehnt weiterspielen:
Der Ball landete nach dem Doppelkopfballduell letztlich bei Prass, der den Ball zum 2:0 fulminant ins Tor hämmerte, was nicht nur uns, sondern auch ihn begeisterte. Ihn derart, dass er sein Trikot auszog, wofür er, der schon gelb-verwarnt war, trotz aller Bemühungen von Kramaric, ihm das Trikot so schnell wie möglich wieder überzuziehen, des Platzes verwiesen wurde. Verschmerzbar, weil ja auch die Gäste einer weniger waren.
Die Gäste warfen nun alles nach vorn, was uns noch mehr Räume gab und letztlich im Zusammenspiel von drei Eingewechselten zum Endstand von 3:0 führte:
Conté auf Kramaric, Kramarics Heber landete an der Latte, von da vor den Füßen Moerstedts, dessen Auftritt ein wenig an den von Christoph Kramer im WM-Finale 2014 erinnerte, der den Ball dann nur noch über die Linie drücken musste, sich aber nicht drücken ließ.
Was für ein Finale.
Was für ein Spiel.
Was für eine Woche.
Was für ein Team.
Weiter TSGeht’s …

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