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Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim Rhein-Neckar Heidelberg 2007 e. V.

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Werder Bremen vs. 1899 Hoffenheim

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London Calling

Treme statt Trauma

Mehr denn Ver- sind wir Beschwörungstheoretiker. Und definitiv sind wir keine Beschwerdenneurotiker. Die Mannschaft hat ihre Partie an All Hallow’s Eve, also am Vorabend zu Allerheiligen, heutzutage besser bekannt als Halloween, verloren – und das Grausen begann bereits eine Stunde vor Anpfiff, als die Aufstellung bekannt wurde.

Im Großen und Ganzen sah die Startelf ja noch normal aus, sah man mal von Abraha ab, aber das sah schon anders aus, wenn man auf die Bank sah, denn da sah man Namen, die man sonst noch nie sah, was verzeihlich ist, sah man da doch Trikotnummern über 40, was man ja normalerweise in der Fußball-Bundesliga nicht sieht. Und das liegt nicht an der TSG, sondern dem DFB.

Nach § 2 der Ausrüstungs- und Werberichtlinien des DFB ist für Pflichtspiele in der Bundesliga und 2. Bundesliga grundsätzlich die klassische Nummernverfolgung von 1 bis 40 für den offiziellen Kader vorgeschrieben. Höhere Nummern sind im regulären Spielbetrieb nicht erlaubt, sondern werden von der Deutschen Fußball Liga (DFL) im Regelfall nur für Spieler aus dem offiziellen Nachwuchsleistungszentrum (U19/U23) genehmigt, die temporär nachrücken und keine feste niedrige Nummer im Profikader erhalten haben.

„Temporär nachrücken“ ist faktisch richtig, doch wir „Akademiker“ erlauben es uns, an dieser Stelle die unserem Wesen nach wichtigste Frage überhaupt zu stellen: „Warum?“ Und die Antwort darauf findet sich in den Durchführungsbestimmungen des DFB. Darin ist festgelegt, dass eine Lizenzspielermannschaft für ein Pflichtspiel in der Bundesliga in der Regel einen Kader aus mindestens 16 Spielern auf dem Spielberichtsbogen benennen muss.

Das ist insofern ganz interessant, denn die FIFA- und DFB-Regeln besetzen das absolute Minimum für den Spielbeginn und die Fortführung einer Partie mit mindestens 7 Spielern (wobei einer davon zwingend der Torwart sein muss). Das heißt, man muss eine Partie nicht mit elf Spielern beginnen.

Sind die Spieler zum Anpfiff physisch nicht da, greift § 11 der DFB-Spielordnung bzw. die FIFA-Regeln: Spieler, die namentlich auf dem Spielberichtsbogen stehen, aber zu Beginn des Spiels fehlen, dürfen nach Spielbeginn das Spielfeld betreten, sofern sie vom Schiedsrichter nachtragend identifiziert und freigegeben werden. Das gälte nicht als Einwechslung.

Sinkt aber die Mannschaftsanzahl eines Teams auf dem Platz durch Rote Karten oder Verletzungen unter 7 Spieler ab, muss das Spiel abgebrochen werden.

Also anfangen konnten wir in kompletter Mannschaftsstärke – zumindest quantitativ. Qualitativ konnte man von kompletter Stärke nicht sprechen, dies aber auch irgendwie nicht erwarten.

Dennoch machte es die Mannschaft erstaunlich gut, insbesondere unser Debütant, der auf der Position von Coufal weniger mit Kraft denn schönen Spiel auf sich aufmerksam machte. Der Junge traut sich was, merkten wohl auch die Mitspieler, die ihn erstaunlich gut in ihr Spiel einbanden, d. h. trotz des Ausfall Coufals ging erstaunlich viel über rechts. Obwohl links der erfahrenere Daghim spielte, dessen spielerisches Potenzial sicherlich um ein Vielfaches höher anzusiedeln ist als das Abrahas, aber er bringt das im Spiel viel zu selten ins Spiel, als dass er die Pässe der Mannschaftskollegen anzöge.

Wir spielten viel durch die Mitte, wie wir überhaupt sehr viel spielten. Die Gastgeber überließen uns den Ball und bauten einen Deich vor ihrem Kasten, bei dem unsere Angriffswellen in schöner Regelmäßigkeit versandeten.

Das war natürlich fies von ihnen. Sie hatten einen Tag länger Pause, weniger Reisestress, stehen in der Tabelle vor uns, standen aber nur hinten drin, ließen uns machen und verließen sich darauf, dass wir bestimmt Bälle vertändeln oder in ihrem Beindeichwald, oder wie immer man das nennen mag, verlören. Und so kam es auch und dadurch die Hausherren zu besten Konter- und auch sonstigen Chancen, die sie aber allesamt nicht nutzen konnten. Das 0:0 zur Pause war aber alles andere als unverdient, denn wir legten prinzipiell einen sehr konzentrierten Auftritt hin, dem allerdings bis auf ein Mal jegliche Durchschlagskraft fehlte, doch leider konnten die Bremer den Kramaric-Gedächtniskopfballheber von Hlozek von der Linie schlagen.

Dieses Manko im Torabschluss ist nicht neu, aber halt auch schlecht zu beheben, wenn die Spieler mehr in Fliegern und Bussen sitzen, als auf dem Platz stehen, und man mit denen, die dann auf dem Spielberichtsbogen stehen, maximal eine Stunde trainiert hat.

Immerhin 0:0. Der gefürchtete Horror an Halloween – nach Ansicht der Aufstellung – blieb aus. Zumindest von uns musste diesmal kein Spieler nach wenigen Minuten verletzt vom Platz – und Abraha ersetzte Coufal defensiv ebenbürtig.

Die Frage war halt nur, wie lange die Spieler aus der Startelf noch durchhalten würden oder vielleicht auch durchhalten wollen würden, denn so wichtig jedem das DFB-Pokalspiel am Mittwoch oder die Partie in dem Moment war, das große Ding für jeden Einzelnen ist nächsten Donnerstag: London.

Das ist Bühne, keine Baustelle.
Das ist kein Bundesliga-Alltag, das ist UEFA Europa League.
Das ist das Ziel.
Da will man hin.
Da will man spielen.
Und da will man 100% gewinnen – und dafür lässt man auch die, die nicht 100% fit sind, zu Hause.

Ja, geneigte/r Leser/in, wir wissen, was wir eingangs gesagt haben – und was nicht. So haben wir z. B. NICHT gesagt, dass wir GAR nichts mit Verschwörungen am Hut haben. Wir lieben Theorien jedweder Art. 🙂

Trotzdem waren noch 45 Minuten zu spielen und die galt es, körperlich, aber auch ergebnistechnisch gut zu überstehen. Leider gelang nur Ersteres.

Füllkrugs Führungstor zog uns zwar nicht den sprichwörtlichen Stecker, aber er sorgte für Wackelkontakte. Die Energie floss nicht mehr ganz so gut. Die Fehlpässe häuften sich, die Chancen für die Hausherren auch. Die Kombination von beidem sorgte dann auch für das 2:0, als weder Kabak, noch Machida, noch Kramaric in der Lage waren, den Ball vom eigenen Sechzehner einfach wegzudreschen. Doch statt des erwartenden Gefühls des „Dieselbe Scheiße schon wieder“, was was von Trauma hat, stellte sich ein Gefühl der Leere, der Verzweiflung, der Ratlosigkeit und Unsicherheit ein, was an Tremen erinnert.

Eine Treme ist buchstäblich oder metaphorisch ein Ort „dazwischen“. Mythologisch sind Tremen in vielen Kulturen Schwellenräume magisch aufgeladen, wo sie als Aufenthaltsort für ambivalente Wesenheiten, Geister oder Gottheiten gelten, die über Übergänge wachen (wie Janus, dem römischen Gott mit den zwei Gesichtern, dem wir den Monat Januar zu verdanken haben, weil er so aufs alte und neue Jahr schauen kann). Oder sie haben eine liminale Qualität, d. h. eine Tremen markiert die kritische Phase der Trennung von der alten und der Eingliederung in die neue Identität. Da sich das Subjekt oder die Gemeinschaft in diesem Moment in keinem festen Zustand befindet, gilt diese Zone als struktur- und ordnungslos.

Tremen können aber auch ganz einfach geographische Grenzen sein (Wegekreuzungen, Brücken, Stadttore, Friedhofsmauern) oder zeitliche Schwellen (die Dämmerung, die Mittagszeit, Jahreszeitenwechsel wie die Tag-und-Nacht-Gleiche) – oder eben Halloween, das die Instabilität des Übergangs vom Licht zu Dunkelheit markiert.

Und die Treme dazu? Sechs Monate zurück? Exakt: Walpurgisnacht.
Sie markiert die Instabilität des Übergangs vom Dunkelheit zu Licht. Beide Momente gelten traditionell als Tremen, in denen die Grenze zwischen der diesseitigen Welt und dem Jenseits als besonders durchlässig angesehen wurde.

Nun sind wir nicht gestorben. Doch die Mannschaft hat sich aufgeopfert – und das ist aller Ehren wert. Sie ging an ihre Grenzen, aber nicht darüber. Und als am Ende klar wurde, dass wir im Diesseits dieses Spiels nichts mehr zu unseren Gunsten würden verändern können, ließ Ilzer dann auch die Zor, Fields, Lenz für Kramaric, Avdullahu und Asllani und ganz zum Schluss auch Lässig für Rots ran, was einfach nur ein feiner Zug von ihm war, so dass auch sie erleben konnten, wie nah sie an der Treme zum Profi stehen.

Doof nur, dass wir jetzt wieder in der Tabelle unten drinstehen. Aber da beschwören wir einfach mal – passend zu Halloween – und das nicht nur theoretisch: den Teamgeist.

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