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Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim Rhein-Neckar Heidelberg 2007 e. V.

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Hamburger SV vs. 1899 Hoffenheim

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Der TSG-Punkt

Europa, wir kommen!

Fußball bewegt. Fußball erregt. Fußball berührt. Fußball reizt. Fußball hat all das, was der Gesellschaft mehr und mehr fehlt.

Heutzutage macht man ja aus allem ein Gedöns aka „Wissenschaft“. Je simpler es ist, desto mehr stürzen sich „Akademiker“ darauf und finden große Worte für Nichtigkeiten. Nicht nur im Fußball.

Mit dem geht’s ganz unten weiter, wenn der Text wieder linksbündig ist. Jetzt kommt ein epischer Exkurs unseres CCEO, der sich als alter Hobby-Gelotologe bemüßigt fühlte, sich mal ernsthaft zu fragen, warum wir nicht mehr so oft lachen.

Kinderkriegen, z. B., ist ein Prozess, den die Menschheit seit Anbeginn verstand. Aber je länger wir das schon machen, desto mehr Literatur gibt es dazu. Geändert hat sich am Prozess per se nichts. Und Zweifel daran, ob es der Klarheit diente oder gar der Bereitschaft hierzu, sind zumindest in westlichen Gesellschaften berechtigt. (Gibt es in anderen Gesellschaften hierzu überhaupt ähnliche Machwerke?)

Dass wir Menschen unsere Brut anders handhaben als andere Tiere, ist bekannt. Bei z. B. Reptilien, den meisten Fischarten, Amphibien, Insekten werden Eier, Laich mal bereits befruchtet, mal zum Befruchten abgelegt … und tschüss. Was aus der zum Teil millionenhaften Nachkommenschaft wird, entscheiden die Kräfte der Natur. Wir behüten und beschützen unsere Brut. Auch außerhalb der Nahrungsaufnahme halten wir sie eng am Körper. Und das schon seit Jahrmillionen.

Nun gut, der Anfang lag gewiss auch darin begründet, dass es ehedem noch keine Kinderwagen, Buggys, Lastenfahrräder gab, so dass ein Weiterkommen eben nur durch körperlichen Kontakt möglich war, aber er war selbstverständlich. Heute gibt es Ratgeber darüber, wie wichtig der Hautkontakt für die seelische und körperliche Entwicklung der (Kleinst-)Kinder sei.

Aber damit hatte man dann das nächste Thema: das Wohlergehen des vor Jahren befruchteten Eis. Und was ihm nicht alles schaden kann. Unter anderem Berührungen.  Spätestens, wenn es in die Schule, Kita, Krippe geht, gilt es seine Autonomie zu respektieren. Jedwede Berührung darf /sollte nur noch einvernehmlich erfolgen. Jedwede Reizung gilt es zu vermeiden. Denn jedwede Reizung kann zu einer unkontrollierten Reaktion führen – und so etwas ist immer schlecht.

Ganz schlimm dabei ist das Lachen. Zumindest, wenn man der Literatur glaubt. Nicht nur sprachlich, …

So gibt es nicht wenige Fachleute (?), die der Meinung sind, dass Ironie eine Form der Kindesmisshandlung sei, weil sie ein Machtgefälle ausdrücke, ihr Ziel die Beschämumg des anderen sei oder gar eine psychische Falle darstelle, da Worte und Körpersprache sich widersprechen, so dass „chronische Ironie“ sogar Schizophrenie begünstigen könne.

…, sondern auch körperlich durch Kitzeln – ganz gleich, ob es sich um Knismesis (das leichte Berühren, z. B. mit einer Feder) oder Garagalesis (heftiges Berühren empfindlicher Stellen) handelt. Insbesondere Letzteres sorgt ja für ein unwillkürliches und vor allem – wohl ganz schlimm – unkontrolliertes Lachen, was wiederum mit Gewalt in die Autonomie der anderen Person eingreift.

Die Folge: Es gibt immer weniger reale, körperliche Berührungen. Gleichzeitig beklagen aber immer mehr Menschen, insbesondere Frauen, dass sie immer seltener berührt werden – und natürlich gibt es dafür auch mit „Touch Starvation“ ein Fachwort. Und offensichtlich erkennt kein Fachmensch den Zusammenhang. (vgl. „Was Hänchen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“)

Die Lust an der Erregung (nichts anderes ist ja Kitzeln) ist also ungebrochen. Ihre Befriedigung scheint aber nach all den Geboten nur noch selbst herbeizuführen sein. Vielleicht erklärt dies zum einen, warum sich „True Crime“-Podcasts und -Serien so großer Beliebtheit erfreuen, insbesondere bei Frauen.

Und es gehört zu den Paradoxien der Gegenwart, dass mediale „True Crime“-Produktionen, die als solche in einem nach ihnen selbst genannten Genre geführt werden, mit einer Triggerwarnung versehen werden: „In der folgenden Sendung werden Geschichten von wahren Verbrechen wiedergegeben. Die Schilderungen können belastend oder traumatisierend wirken. Wenn ihr euch mit diesen Themen nicht sicher fühlt, hört diese Folge besser nicht oder nur in Begleitung an.“

Die Bewertung, inwieweit das wirklich ernst gemeint ist oder nur der Zurschaustellung der eigenen Fürsorglichkeit dient (vgl. Narzissmus) und inwieweit das dann auch mit der meist sehr dramatischen und effektheischenden Aufmachung korrespondiert, überlassen wir dir, geneigte/r Leser/in.

Es scheint also, dass die verbliebene, gesellschaftlich akzeptierte i. S. v. politisch korrekte Form des Kitzelns eine „Berührung“ des Nervensystems durch einen abstrakten Reiz, sprich: der selbstgewählte Nervenkitzel ist.

Er aktiviert den somatosensorischen Cortex (Berührung) sowie den Anterior Cingulate Cortex (Angst/Lust), sprich: dieselben Areale wie das „echte“ Kitzeln, aber halt ohne echten, physischen Kontakt.

Im Englischen ist das sprachlich anders: „thriller“ kommt vom altenglischen „thyrlian“, was ihn zum „Durchbohrer“ macht. Ähnlich martialisch ist das Chinesische mit seinem 刺激 (Cìjī) („Dorn-Stoß“). Das Französische hingegen ist da eher romantisch („frisson („Schauer“/“Frösteln“) ), während das Russische von Острые ощущения (Ostryye oshchushcheniya) spricht („scharfe/würzige Empfindungen“ – im Gegensatz zu „fad“).

Diese Übersetzung passt auch bestens zum Aufkommen des Nervenkitzels selbst. Früherfrüher, also als die Menschen ganz ohne Ratgeber Kinder bekamen und großzogen – was ja offensichtlich ganz gut geklappt hat, denn sonst gäbe es uns ja nicht, war der Alltag weit mehr als Nervenkitzel, sondern ständige Gefahr. Und alles, was nur ansatzweise in diese Richtung ging, wollte wohl vermieden sein. Mit der zunehmenden Sicherheit des Lebens im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung entstand auch die Langeweile. Der Mensch begann, die Gefahr künstlich zu simulieren. Zwar gab es in der Literatur noch keine großen Ratgeberbücher zum Thema Begattung in unserem Kulturkreis (von der Bibel mal abgesehen), aber eine neue Gattung kam auf: Krimis.

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Achterbahnen und das Bergsteigen wurde zum Sport. Man suchte das Risiko, um sich der eigenen Existenz zu versichern. Hierdurch konnte der Körper kontrolliert Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausschütten.

Actionfilme, „Thriller“ und Horrorfilme hatten einen ähnlichen Effekt, nur kam hierbei noch hinzu, dass der Körper weiß, dass keine reale Lebensgefahr besteht, wodurch der Hormoncocktail durch Endorphine und Dopamin ergänzt.

In einer hochgradig abgesicherten Welt (Versicherungen, Airbags, Gesetze) wirkt Nervenkitzel also als Entlastung von der Zivilisation. Je kontrollierter und bürokratischer der Alltag, desto größer die Sehnsucht nach Momenten, in denen man „sich spürt“. Hinzu kommen bestimmte Formen des Nervenkitzels wie Extremsport, riskante Investments, die als Statussymbole dienen. Man zeigt, dass man die psychische Stärke hat, das Risiko zu beherrschen. Somit passt der Nervenkitzel sehr gut zu unserem Kulturkreis, in dem der Nervenkitzel oft mit Individualismus und Grenzerfahrung assoziiert wird. In kollektivistischen oder religiös geprägten Kulturen wird das bewusste Aufsuchen von Gefahr oft als Hybris oder unnötige Störung der Harmonie gewertet. Aber da gibt es auch noch ganz andere intakte Verbände wie Dorfgemeinschaften und Familien, in denen es wiederum mehr Berührungen gibt.

In unserer Welt, in der die physische Interaktion (das echte Kitzeln) abnimmt, verlagert sich der Reiz in den Kopf. Wir kitzeln unsere Amygdala mit Podcasts, Filmen und Extremsituationen, um sicherzustellen, dass wir unter der glatten Oberfläche unserer Zivilisation noch lebendig sind. Daher brauchen wir den Nervenkitzel.

Exkurs Ende.

Und „Nein!“, Sepp Herbergers „Die Leut‘ gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht!“ fasst das nicht zusammen, denn es geht auch um die Dauerhaftigkeit der Ungewissheit des Reizes. So war die Erregungskurve beim legendären WM-Halbfinale Brasilien – Deutschland 2014 um einiges niedriger als bei der gestrigen Partie im Volksparkstadion.

Jede/r fieberte natürlich schon kommenden Samstag entgegen. Da findet das vielleicht alles entscheidende Spiel um die Teilnahme an der UEFA Champions League gegen den VfB Stuttgart statt. Aber damit dies auch eine Art Finale wird, war allen klar, dass dieses Spiel erst einmal gewonnen werden muss.

Und die Mannschaft, die ja während der Fastenzeit einen fast zur Weißglut brachte mit ihrer Lethargie und fehlenden Dynamik, hatte von Anfang an Feuer. Ihr ging es nicht nur darum, frühzeitig Ball und Gegner zu beherrschen, sondern auch Tore zu erzielen. Und daran tut die TSG gut, denn wir sind in der 1. Halbzeit einfach besser als in Durchgang 2.

In der Tabelle der 1. Halbzeit liegt die TSG mit 13 Siegen, 10 Unentschieden und 8 Niederlagen, also 49 Punkten, und einem Torverhältnis von +10 (33:23) auf Platz 5.
Der HSV mit 32 Punkten (6 | 14 | 11 – 16:24 (-8)) auf Platz 13.

In der Tabelle der 2. Halbzeit liegt die TSG mit 8 Siegen, 17 Unentschieden und 6 Niederlagen, also 41 Punkten, und einem Torverhältnis von +6 (28:22) auf Platz 7.
Der HSV mit wieder 32 Punkten (6 | 14 | 11 – 18:26 (wieder -8)) auf Platz 15.

Wir haben also nur fünf zweite Halbzeiten für uns entscheiden können. (HSV-Spiel schon mit drin.)

Interessanter ist der Vergleich übrigens mit unserem nächsten Gegner.
VfB 0 – 45. Min.: Platz 6 – mit 44 Punkten (11 | 11 | 9 – 28:20 (8)
VfB 46. – 90. Min.: Platz 2 – mit 62 Punkten (18 | 8 | 5 – 35:23 (12)

Wir wurden unserer Favoritenrolle gerecht, und es rollte ein Angriff nach dem anderen aufs Tor der Gastgeber zu, den sie gut verteidigten, aber halt nicht so gut, dass wir nicht durchkamen. Allein das 1:0 durch Asllani nach rund einer Viertelstunde war ein wahres Zuckerstück an Zauberfußball, was unsere Nerven frühzeitig beruhigte.

Für den Kitzel sorgte dann Kabak, dessen völlig missglückter Rückpass rund eine Viertelstunde später letztlich zum Ausgleich durch einen Elfmeter führte, da Oli den allein auf ihn zulaufenden Gegenspieler nur durch ein zum Glück ballorientiertes Foulspiel im Strafraum stoppen konnte. Obwohl? War das wirklich ein Foulspiel? In der Zeitlupe sah das viel nach einem klassischen Grabowski 74 aus: sehr gut eingefädelt, aber halt kein Foul.

Nun denn, damals gab es den Elfer (allerdings noch keinen VAR) in München, diesmal gab es ihn an dem Ort, an dem bei der WM 74 im eigenen Land Deutschland durch ein Tor in der 74. Minute 1:0 gegen Deutschland verlor. (Okay, es war die 77.)
Oli hätte ihn sogar fast gehabt, aber hatte er nicht und so war der erste wirkliche Schuss auf unser Tor Tor.

Doch trotz des Bocks und des völlig unverdienten Ausgleichs hatte unsere Mannschaft ihren Spielwitz nicht verloren. Es wirkte zwar nicht wirklich leichtfüßig, aber dazu war der Gegner auch zu bemüht, den unseren physisch zuzusetzen. Sie wussten sich zu wehren – und sich auch dann zu helfen, wenn die Situation eigentlich schon irreparabel vorbei zu sein schien.

Ein sehr wildes Hin und Her und Hoch und Weit am und im Strafraum der Hanseaten führte dann kurz vor Halbzeitpfiff zur erneuten Führung unserer Jungs.

Leider schien einigen Zuschauern das Feuer auf dem Platz nicht zu reichen, also wurde gezündelt und gefackelt, was das Zeug hielt, so dass es mit dem Wiederanpfiff einige Minuten dauerte, was das Nervenkostüm zusätzlich strapazierte.

Alle sehnten den Schlusspfiff herbei, aber riesige Massen an Feinstaub waberten durchs Volksparkstadion (und man fragt sich, ob die Freie und Hansestadt Hamburg das in Zukunft anders handhaben wird, hat sie sich doch per Volksentscheid zur Klimaneutralität verpflichtet.) und verhinderten den Beginn des Durchgangs, den alle wohl am liebsten zügigst hinter sich gebracht hätten.

Und wenn man schon mal in der Hafenstadt weilt, dachte sich das maritim wenig erfahrene Trainer-Team wohl, dann machen wir gleich mal „Klar Schiff“. Doch keiner der vielversprechenden Angriffe fand seinen verdienten Abschluss. Mit zunehmender Spieldauer fanden die Zuspiele auch immer seltener den Mitspieler, so dass die Gastgeber optisch immer mehr die Oberhand gewannen. Das war nicht das erwünschte Nervenfutter. Statt dessen kam es mehr und mehr zum Nervenflattern. Zumindest beim Zuschauen. „Bloß nicht noch mal so ein‘ Bock!“, wurde gefleht – und das Flehen wurde erhört. Bis auf eine Großchance brachten die Rothosen nichts Gefährliches zustande – und, wenn man pedantisch genau ist, in der 2. Halbzeit keinen einzigen Ball auf Baumanns Tor.

Aber diese Erkenntnis gab es erst lange nach dem Schlusspfiff. Zu groß war die Freude über den Sieg und damit dank der anderen Spielausgänge die sichere Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb.

„Was?“
„Sicher?“
„Ja!“
„Kitzle mich. Ich glaub‘, ich träum‘ …“

Ja, wir können und dürfen träumen.

Denken wir nur zurück, wer 2025/26 alles in der Conference League an den Start ging. Unter anderem waren da dabei: AC Florenz, Rapid Wien, Sparta Prag, AEK Athen, Crystal Place, Jagiellonia Bialystok, Kuopion PS, Kopavogur, Shkendija, Hamrun Spartans – ist doch eine geile Mischung aus schönen Städten und „Wie bitte? Wo liegt das denn?“

Selbiges gilt für die Europa League: Rom, Sevilla, Tel Aviv, Glasgow bis hin zu Go Ahead Eagles Deventer.

Und dann gäb’s ja auch noch die UEFA Champions League. Man stelle sich nur mal vor, die TSG würde sich hierfür qualifizieren und wir bekämen Real Madrid und Bodö Glimt zugelost? Geil, oder? Als Heimspiel?

Naja, hätte auch seinen Reiz. Jedenfalls haben wir insbesondere nach der letzten Saison nach diesem Sieg richtig gut lachen!

Und der Nervenkitzel hält an und wir genießen die kollektive Efferveszenz – und die, nur die bietet der Fußball:

Er bewegt. Er erregt. Er berührt. Er reizt. Er hat all das, was der Gesellschaft mehr und mehr fehlt. Er schafft die Momente, in denen eine Gruppe eine so starke gemeinsame Erregung erlebt, dass das Individuum sich im Kollektiv auflöst.

Und dieses Kollektiv ist aktuell unsere Tor- und Sieg-Gemeinschaft. Punkt.

 

 

 

 

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