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Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim Rhein-Neckar Heidelberg 2007 e. V.

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1899 Hoffenheim vs. Hamburger SV

Der Fluch der Kreativität

Über Gisdol und Glanz, Saurier und Sieg und noch x anderes

Wie will man einen Spielbericht verfassen, wenn man sich selbst treu bleiben und nicht in den üblichen Duktus der Pseudoanalyse oder plumpen Nacherzählung verfallen will, schließlich gibt es mindestens 1000 andere Medien und Schreiberlinge, die es entweder bei der bloßen Beschreibung dessen belassen, wer wann was gemacht hat oder versuchen, fein säuberlich aufzudröseln, warum die Dinge waren, wie sie waren, immer in der subjektiven Annahme, Wahres zu kommunizieren, gerne auch um sich selbst den Nimbus zu bewahren, als besonders klug zu gelten, aber vor lauter Begeisterung nicht weiß, wie anfangen?

Nun sind wir ja die Letzten, denen Eitelkeit fremd wäre – und allein unser Name schon lässt andere mutmaßen, dass wir von uns dächten, wir hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und in der Annahme durchs Leben gingen, dass man es gerne anders machen könne als wir, aber dann wird’s halt kacke.

Das ist mitnichten der Fall. Fakt ist nur, dass wir Freude am Fußball haben, Freude am Spiel – und das so allgemein, dass wir es eben nicht beim Fußball belassen wollen, denn es geht uns nicht nur um jenen Kick.

Während fälschlicherweise generalisierend insbesondere organisierte Fußball-Fans so wie wir im Verdacht stehen, auch den Kick an den Kopf ganz reizvoll zu finden, ist es aber der Kick im Kopf, der durch die Spiele in uns auslöst, der uns begeistert.

Nun stehen wir aber nach diesem souveränen 3:0-Sieg gegen den Hamburger SV vor einem Di-, nein: Tri-, ach was, mindestens einem Pentalemma, wenn es reicht.

Fangen wir an mit einem unserer Lieblingsthemen: der Tradition.

Wir hatten ja bereits in unserem Trailer zu dieser Begegnung darauf hingewiesen, dass für uns diese Partie „Die Mutter aller Spektakel“ ist.

  • 26. Oktober 2008 – Ein Spiel, das unserer festen Überzeugung nach immer noch die bestens 30 Minuten Fußball waren, die die Fußball-Bundesliga je gesehen hat. Dieses Spiel war auch ursächlich schuld an der Vielzahl unserer Spielberichte, weil wir uns keine andere Art der Beschreibung des Geschehenen vorstellen konnten, als einen Ausflug in die Physik zu wagen und die Heisenberg’sche Unschärferelation hierfür heranzuziehen.
  • 25. April 2010 – Auch wenn man uns schon früh für unseren erfrischenden Offensiv-Fußball gelobt hat, war es dieses Spiel gegen diesen Gegner, als es uns das erste Mal gelang, fünf Tore zu erzielen.
  • 11. April 2012 – Da gab es am 30. Spieltag ein 4:0 gegen diesen Gegner. Da hatte man noch Hoffnung auf ein gutes Saisonende, aber es stellte sich als der letzte Sieg der Saison heraus.
  • 11. Mai 2013 – Da kam es noch dicker. Da verloren wir am 33. Spieltag gegen das Team aus der Hansestadt deutlich mit 1:4. Ein Spiel, bei dem ein gewisser Niklas Süle debütierte und in dem wir dringend einen Sieg benötigt hätten, hätten wir den Klassenerhalt schaffen wollen, schließlich ging es samstags drauf nach Dortmund zum Champions League-Finalisten der Saison – und da, das war ja wohl jedem klar, würden wir in der Seuchensaison gewiss nichts reißen. :-)
  • Naja – und dann gab es doch wenige Monate später in der neuen Saison, bekanntlich gelang uns das Wunder in Westfalen mit einem 1:5 unseren damals höchsten Auswärtssieg aller Zeiten – eben wieder gegen diese Mannschaft.

Wie gesagt, die Mutter aller Spektakel.

Nächste Möglichkeit einer Analogie zum Spiel wäre die Geschichte des Gegners selbst, der ja als „Bundesliga-Dino“ gilt.

Nun könnte man das liebenswürdig machen und über „Die Dinos“ berichten, einer US-Fernsehserie, die es Anfang der 90er ins deutsche Fernsehen schaffte. Doch das Wesen dieser Serie passt so ganz und gar nicht zum Gegner, die ja nicht zuletzt deshalb abgesetzt wurde, weil sie immer gesellschaftskritischer und sarkastischer wurde, was den Produzenten von Walt Disney überhaupt nicht gefiel.

Wobei das schon auch zum Fußball passt, wo ja Kritik auch nur sehr begrenzt er- bzw. gewünscht wird und der Umgang mit Fachjournalisten nicht gutzuheißende Formen angenommen hat, wie die Herren Reif, Rethy, Thurn und Taxis (dem wir ja auch schon mal einen offenen Brief schrieben) zum Teil leidvoll Woche für Woche erfahren dürfen. (Um das hier nicht zu sehr ausufern zu lassen, verweisen wird gerne auf den Beitrag hierzu auf Zeit Online.)

Bleiben wir also bei den „echten“ Dinos, wobei das die Aufgabe nicht einfacher macht, denn es wäre ja erst einmal zu klären, um was für eine Art Dino es sich beim HSV handelt:

Abelisaurus, Allosaurus, Amargasaurus, Anatotitan, Ankylosaurus, Apatosaurus, Baronyx, Barosaurus, Brachiosaurus, Camarasaurus, Ceratosaurus, Dilophosaurus, Diplodocus, Elasmosaurus, Eoraptor, Gallimimus, Goyocephale, Halticosaurus, Herrerasaurus, Hypsilophodon, Ichthyosaurus, Ornitholestes, Plesiosaurus, Pentaceratops, Pterodactylus, Scaphonyx, Stegosaurus, Styracosaurus, Supersaurus, Titanosaurus, Triceratops, Tyrannosaurus rex, Velociraptor?

Angeblich gibt es rund 700 Arten dieser Spezies, was gefühlt ja fast schon der Anzahl der Trainer, Geschäftsführer und Spieler und/oder der Summe in Mio € entspricht, die in den letzten Jahren in diesem Verein tätig, aber nur bedingt aktiv waren.

Nun ist es ja nicht so (Stichwort: Glashaus), dass wir in den letzten Jahren da die rühmlichste aller Ausnahmen waren. Wir haben uns gerade vor April 2013 wenig mit Ruhm bekleckert, aber insbesondere seit der Übernahme der sportlichen Leitung durch Gisdol und Rosen kehrte wieder Struktur und Ruhe in den Verein ein.

Im Winter konnte dann ja auch der Vertrag mit Alexander Rosen verlängert werden, so dass eigentlich jeder davon ausgehen konnte, dass auch Gisdols Vertragsverlängerung nur noch eine Frage der Zeit sei.

Dann allerdings lief die Rückrunde bisher alles andere als den Erwartungen entsprechend. Der angeblichen super Vorbereitung in Südafrika folgte noch kein wirklich überzeugendes Spiel in der Rückrunde.

Die Rotation in den Startelfen ließ die Fans zu rotieren beginnen. Kein lauter Missmut, aber schon ein nicht mehr so ganz stiller Groll gegen das Gebotene, das auf einmal nicht mehr diese stete Weiterentwicklung präsentierte.

Eher glaubte man Rückfälle zu erkennen, auch wenn es dank seltsamer Spielergebnisse seit 2015 zu keinerlei Rückfällen in der Tabelle führte. Ganz gleich, ob wir verloren, unentschieden spielten oder gewannen, am Ende des Spieltages standen wir auf Platz 7 – und das bleibt auch nach diesem souveränen Spiel so.

Und just jetzt brachte der Vater unserer Bundesliga-Geschichte wieder Schwung in die Diskussion. Ralf Rangnick kennt den Verein gut, er kennt Markus Gisdol gut und vor allem kennt er das Geschäft bestens. Er weiß ganz genau, wann er was lanciert. Gerade in seiner Position, mit den Mitteln, über die er sowohl in Sachen Medien als auch Moneten verfügt, war ihm schon vorher klar, dass ihm Gehör geschenkt wird.

Der Verein ging damit sehr entspannt um, und auch Gisdol selbst antwortete auf die Frage auf der Pressekonferenz, ob er gedenke seinen bis 2016 laufenden Vertrag bei der TSG zu erfüllen, mit einem

„Ja.“

Euphorisch klingt das nicht, aber muss es ja auch nicht. Von seiner Seite aus war die Frage damit vollumfänglich beantwortet.

Nun ließ dies immer noch Raum für Spekulationen, schließlich konnte er nur für sich sprechen. Und die Statements, die es seitens der Geschäftsführung zu dem Thema gab, wurden nicht in die Fankneipe übertragen, es konnte sich aber auch keiner vorstellen, dass sich etwas an der Absicht geändert haben könnte, den Vertrag mit unserem Retter und auch großem Sympathieträger bei den Fans zu verlängern, trotz der bisher unglücklich gelaufenen Rückrunde, bei der wir wirklich noch kein wirklich überzeugendes Spiel abgeliefert haben.

Als man dann sich zu Hause die Aufzeichnung des Spiels angesehen hat, kamen diese Statements dann aber – was dann doch beruhigend war. Auch wenn man weiß, dass „vor der Kamera“ nicht identisch ist mit „hinter den Kulissen“ ist es doch nur schwer vorstellbar, dass man wegen einiger weniger schlechterer Spiele jetzt in den wilden Aktionismus der Vorjahre verfallen würde. Auch wenn innerhalb der Fans immer wieder vorgebracht wird, dass man Stanislawski damals auch auf Platz 8 stehend entlassen habe, sind unseres Erachtens diese Fälle nicht vergleichbar. Also wenn, dann wäre es wohl eher Gisdol, der ginge, als dass er gegangen würde, aber er sagte ja, dass er von sich aus den Vertrag erfüllen wolle. Also alles gut.

Alles gut? Nein! Denn so schön diese Kurzinterviews am Ende der Spiel-Zusammenfassung von ZDF und ARD waren, so verstörend war das Bild, das gerade in der Sportschau von der Partie transportiert wurde.

Nun sind wir nicht wirklich objektiv und sehen gewiss das ein oder andere eher pro denn contra Hoffenheim, aber das erklärt nicht, warum in beiden Spielberichten die Szene aus der 40. Sekunde fehlte, wo wir eine Riesenchance zur Führung hatten, allerdings keinen in der Mitte, der den Pass hätte vollenden können.

Wenn danach von „schwerer Kost“ die Rede war, drängte sich die Frage auf, welches Spiel denn Tom Bartels gesehen hat.

Wir sahen ein Spiel auf ein Tor.
Wir sahen ein Spiel einer Mannschaft mit gefühlt 80% Ballbesitz. Der TSG.
Wir sahen ein Spiel einer Mannschaft, die sich mit einem sehr ruhigen, klugen und sicheren Passspiel den Gegner zurechtlegte, die nicht mit langen Bällen operierte, sondern deren erstes Ziel es war, Ball, Spiel und Gegner zu kontrollieren und dies die ganze Zeit über tat. Unsere.

Zugegeben, das mag optisch nicht spektakulär gewesen sein, aber für uns war es beeindruckend zu sehen, dass unsere Mannschaft auch mal wieder den Ball in den eigenen Reihen halten und ihn auch laufen lassen kann. Euphorie pur. Einfach, weil so vermisst und schon so lange nicht mehr gesehen. (Wie auch das volle Haus.)

Das war auch eine Überlegung wert, ob dies nicht als Analogie herangezogen werden soll: Die Kunst des Filetierens.

Es war die Premiere der Triple-6 – und sie war gelungen:

Es gab zwar viele Querpässe, aber man hatte nie das Gefühl, dass dies aus Ratlosigkeit geschah, sondern man nur lauerte, wartete, mit großer Geduld, um dann, im richtigen Moment, mit teuflischer Präzision (Anspielung auf „666“) zuschlagen zu können – und so kam es dann ja auch:

Steilpass Strobl aus der Kategorie Weltklasse auf Schipplock, der den Ball aus vollem Lauf noch am Hamburger Keeper vorbeilegen konnte und von diesem dann gelegt wurde.

Klarer Fall: Elfmeter und Platzverweis für den Torwart.

Minuten später waren die selbstverständlich aufkommenden Diskussionen beendet, der zu opfernde Feldspieler gefunden und René Adler im Tor der Gäste, so dass unser Mann anlaufen konnte – und es war nicht Firmino, was niemanden auf der Tribüne störte.

Polanski stand bereit und schoss entgegen unserer Erwartung nicht gnadenlos in die Mitte, sondern nur hart und recht platziert in die Ecke, so dass Adler den Ball nur noch berühren, aber sein Überqueren der Linie nicht verhindern konnte.

1:0. Noch rund 70 Minuten. Gegen 10.

Und ZACK kam das Thema Champions League auf, wobei man die Zuschauer unterteilen konnte in Euphoriker und Paniker.

Die Euphoriker erinnerten an das Bayern-Spiel, die ja 88 Minuten in Überzahl spielten und 7:0 gewannen, die anderen an das Chelsea-Spiel, wo die Londoner ja auch ab rund der 20. Minute einen Mann mehr auf dem Spielfeld hatten, aber letztlich doch aus dem Wettbewerb ausschieden.

Eine Erfolgsgarantie war der Platzverweis also auf gar keinen Fall, zumal man das ja nur bedingt und höchstens in der Offensive merkt.

Natürlich war die Hoffnung da, dass man nun das Team aus Hamburg deklassiert bzw. schnell das ein oder andere Tor nachlegt, aber das tat die Mannschaft nicht. Sie agierte primär klug und weiter nach dem Prinzip „Ball- und Spielkontrolle“.

Dabei gab es immer wieder mal Chancen, und diese auch allesamt gegen eine massierte Abwehr herausgespielt, aber diese wurden ein ums andere mal vergeben. Das war nicht erfreulich, aber alles andere als „schwere Kost“.

Auch in der 2. Halbzeit ging unsere Mannschaft das Spiel kontrolliert an. Doch nun begannen sich die Hanseaten mehr zu wehren bzw. ihrerseits zu Torchancen zu kommen, was uns natürlich in die Karten spielte, weil wir Konter setzen konnten.

Leider führte keiner davon zu dem sehr herbeigesehnten Torerfolg, denn inzwischen hatten die Hamburger auch schon einen Ball und den sehr gefährlich aufs Tor gebracht, den Baumann aber souverän hielt.

Dann aber war es doch so weit. Polanski, der zuvor noch ein Luftloch schlug, das, wäre es keines geworden und er den Ball wie gewünscht getroffen hätte, durchaus das Potenzial hätte haben können, wirkungstechnisch dem Meteoriteneinschlag nahezukommen, der allgemeinhin für das Aussterben der Dinos verantwortlich gemacht wird, nahm diesmal den Ball in Ruhe an und Maß. Langes Eck, große Freude, 2:0.

Und allerspätestens mit dem 3:0, als es kurz vor Spielende Rudy gelang, seinen Fuß als Bande gegen die Hereingabe Vollands zu stellen, war das Spiel gelaufen.

Das war schon ein klasse Spiel, bei dem unsere Mannschaft weder die Konzentration noch die Kontrolle und ganz selten den Ball verlor. Das waren enorme Fortschritte, zu den letzten Spielen, die wieder Hoffnung – ja auch auf Europa, was ja dank der Ergebnisse urplötzlich wieder möglich ist, auch wenn wir wissen, dass die großen Brocken erst noch kommen und auch der nächste Gegner erst noch geschlagen werden muss.

Es ist ein gutes Gefühl, das man gerne noch mit den Worten ergänzen kann, die die Verantwortlichen gerne benutzen, wenn sie zum Beispiel zu Transfergerüchten befragt werden:

Stand heute.

Das klingt zwar die Euphorie begrenzend, aber das Gegenteil ist der Fall, denn was will man mehr, als heute glücklich sein? Oder um es in den Worten Winnie The Pooh’s zu sagen:

„Today is my favourite day!“

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