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Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim Rhein-Neckar Heidelberg 2007 e. V.

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1899 Hoffenheim vs. Borussia Dortmund

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Das bestellte Feld – ohne Ertrag

System-2-Versagen der Fans

Freuen wir uns. Denn alles andere ist Ausdruck von Lethargie und Dummheit – und wir hassen Dummheit. (Lethargie auch, deshalb nennen wir sie Kontemplation. So wie wir auch nie nichts tun, wir meditieren. Egal, wir wollen ja nicht abschweifen.  )

Von Karl Valentin stammt der schöne Satz:

„Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

Ja, da ist sie wieder: die normative Kraft des Faktischen. Ja, wir haben das Spiel verloren. Ja, wieder mit 2:3 und wieder nach Führung. Doch um wie viel besser spielten wir diesmal? Ja, die Freude darüber ändert nichts am Ergebnis, aber das Auftreten bis zur 60. Minute war ein wunderschön anzusehender Beweis für die These, Erkenntnis, Weisheit  – und wir lieben Thesen, Erkenntnis und Weisheit: Aus Fehlern wird man klug.

Gegen Köln machten wir defensiv enorm viele Fehler, gegen Dortmund defensiv sehr wenige, wenngleich drei zu viel. Diesmal lag das Manko vor allem in der Offensive.

Von Anfang an haben wir den Gegner diesmal beackert. Unser herausragendes Passspiel bereitete das Feld – und Freude. Immer und immer wieder pflügten unsere Spieler furchtlos Furchen in die Struktur der Gäste. Da wurde viel gesät, was auf viel Ertrag hoffen ließ, doch der blieb lange Zeit aus. Doch rechtzeitig vor dem Halbzeitpfiff konnte die TSG die erste Frucht all der Mühe einfahren, genauer: Avdullahu mit seinem perfekten Fernschuss einnetzen.

Und nach dem Wiederanpfiff wurde es noch besser. Statt einfach darauf zu warten, dass die Saat der Souveränität von ganz allein weiter aufgehen würde, ackerte unser Team sofort weiter, es pflügte weiter, es bestellte das Feld, aber es vergaß die Ernte einzuholen.

Erst rutschten drei unserer Spieler auf einmal im Fünfer an der Hereingabe von Powerpflug Daghim vorbei. Dann scheiterte er frei vorm Gästekeeper am Gästekeeper und Kabak platzierte freistehend einen Kopfball neben den Pfosten des Tores, allerdings auf der falschen Seite des Gehäuses. Um nur mal die besten der Chancen zu nennen. Dazu kamen noch Situationen, wo ein Schuss besser gewesen wäre als ein Pass, und wir hätten das Spiel niemals verloren, denn inzwischen führten wir dank Lemperle 2:0. Zwar tat der Abwehrspieler der Gäste so, als hätte er die Sense ausgepackt, dabei fiel er wie eine morsche Ähre, wenn der Reifen des Traktors sie touchiert.

Ganz anders Wimmer. Den haute es komplett um, genauer: Er wurde komplett abgemäht. In der Nähe des und doch abseits des Balles, jedoch wollte er in dessen Richtung zur Verteidigung. Konnte er nicht mehr. Die Gäste spielten weiter und erzielten den Anschlusstreffer.

Alle rechneten mit einem Pfiff – und der kam dann auch: allerdings nicht wegen Foulspiels, sondern zum Wiederanstoß.

Keiner der Schiedsrichter auf dem Feld und an den Monitoren monierte irgendetwas an dieser Aktion. Und so zählte der Treffer – zur großen Verwunderung aller, die es mit der TSG halten – und das war trotz dessen, dass das Stadion ausverkauft war, die große Mehrheit. 🙂

Umso beschämender eigentlich, was fünf Minuten später passierte, nachdem die TSG den Ausgleich kassiert hatte.

Durch das nichtgegebene Foulspiel war die Mannschaft sichtlich aufgebracht – und unsortiert, was die Gäste sofort ausnutzten und erneut einnetzten.

Eine Stunde Dominanz auf dem Feld, in wenigen Minuten Torgleichheit auf der Ergebnistafel. Und die Resonanz sowohl der Mehrheit als auch der Südkurve: Schweigen.

Alle schienen in Schockstarre gefallen zu sein – oder in das Lieblingsmuster des gemeinen Fußballfans: die Negativität.

Dabei erwartet doch jeder Fan, dass sich (s)eine Mannschaft gegen eine drohende Niederlage stemmt, sich nach einem Sturm (Gegentreffer) wieder aufrichtet und dagegenhält, um den Punktverlust zu vermeiden. Aber bei uns … ward es still.

Eigentlich ein Phänomen in einem Stadion – und nicht nur da.

Die Verhaltensforschung kennt das Phänomen auch. Es basiert auf einem fundamentalen Prinzip des menschlichen Gehirns: dem Negativity Bias (Negativitäts-Disposition).

Dazu muss man prinzipiell zu unserem Gehirn sagen, dass es per se eine (denk-)faule Sau ist.

Daniel Kahneman hat dafür mit „System 1“ (schnell, automatisch, mühelos, emotional) und „System 2“ (langsam, anstrengend, logisch) die Nobelpreis-prämierte Vorlage geliefert – nachzulesen in seinem weltweiten Bestseller Schnelles Denken, langsames Denken (Thinking, Fast and Slow, 2011)

Kahneman (1934–2024) war ein israelisch-amerikanischer Psychologieprofessor und einer der einflussreichsten Denker der modernen Sozialwissenschaften. Er gilt als Urvater der Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) und hat das Bild des Menschen in den Wirtschaftswissenschaften nachhaltig verändert.

Das Gehirn läuft aus rein physiologischen Gründen – Stichwort Energieeinsparung – am liebsten auf System 1. Ein Risiko zu benennen („Achtung, Säbelzahntiger!“ – wahlweise: „Jetzt bloß nicht noch eins kassieren.“) erfordert kaum Transferleistung und wenig Energie. Und da der Mensch naturgemäß den Pfad des geringsten energetischen Widerstands wählt, fällt das Gespräch fast von allein nach unten in die Bedenkenträgerei. Es ist der Weg des geringsten kognitiven Aufwands.

Dagegen kostet konstruktives Umdenken viel Energie. Ein Problem zu nehmen, es zu drehen, eine Chance zu sehen und andere dafür zu begeistern, zwingt das Hirn in den anstrengenden System-2-Modus.

Im zwischenmenschlichen Alltag gibt es das ja ebenfalls zuhauf. Der Austausch von Plattitüden ist nichts weiter als System 1 in Reinkultur, während Texte, die einen aufgrund ihrer nicht erwarteten Struktur oder Inhalte zum Nach- und Mitdenken zwingen, eher als „anstrengend“ wahrgenommen werden. (Gilt auch für Menschen. 🙂 )

Ohne besonders anmaßend wirken zu wollen, wirst du, geneigte/r Leser/in, uns gewiss zustimmen, wenn wir hier auf uns selbst und unsere Spielberichte verweisen – wie diesen, der ja just jetzt „anstrengend“ wird, weil in System 2 verortet, während die Einleitung im Großen und Ganzen ausschließlich Erwartbares enthielt.

Zudem lässt sich das Hirn nachweislich emotional eher von negativen Gedanken anstecken. Angst, Sorge oder Skepsis übertragen sich nachweislich schneller als Begeisterung – insbesondere in Gruppen. In ihnen reicht oft ein einzelnes Bedenken, um das Gehirn aller Beteiligten in den „Analyse- und Schutzmodus“ zu schalten. Risikoanalyse fühlt sich für das Gehirn wie Überlebenssicherung an, während Optimismus oft fälschlicherweise als naiv oder leichtsinnig eingestuft wird.

Wer sich also aufs Negative fokussiert, wird in der Gruppe eher akzeptiert, was für den Menschen – ein Herdentier – und sein (soziales) Wohlbefinden nicht unerheblich ist. Wer also in einer Gruppe Risiken betont, gilt soziologisch oft als „verantwortungsbewusst“ oder „expertenhaft“. Wer Optimismus einbringt, trägt das soziale Risiko, bei einem Scheitern als schuld oder unvorsichtig dazustehen. Es gibt also einen sozialen Anreiz, sich nach unten ziehen zu lassen.

Und gemäß System 1 liebt es das menschliche Hirn bequem, was sich dann auch gruppendynamisch in der Kommunikation widerspiegelt: energiearme Problemgespräche fördern Problemgespräche. Ein einziger Einwand bzgl. Risiken zieht das Gespräch so stark herunter, dass massiv viel positive Energie aufgewendet werden muss, um wieder auf Null zu kommen.

Der Paarforscher John Gottman wies nach, dass es etwa fünf positive Interaktionen braucht, um 1 negative Interaktion auszugleichen. (Gottman-Konstante)

Eigentlich ist es die Aufgabe von (uns) Fans, dass wir diesen Aufwand betreiben. Die Mannschaft anfeuern, auch wenn das Feuer erloschen scheint. Doch es war Hajdari, der die Südkurve anfeuerte, sie anzufeuern. Es blieb bestenfalls bei einem Glimmen.

Gewiss schwelte die Lust am Jubel bei den Fans, zwischenzeitlich flackerte da was, loderte es kurz auf, doch spätestens als Hajdaris Klärungsversuch im eigenen Tor landete, war das Feuer erloschen – auch wenn da noch fast rund zehn Minuten zu spielen waren.

Ja, nach der Partie wurde die TSG von der Süd auch zu Recht gefeiert, aber im Nachhinein ist man immer … lauter.

Die TSG nicht – und das ist auch gut so. Sie hat sich von Spiel 1 zu Spiel 2 stark verbessert. Jetzt steht Spiel 3 an.

Und was passiert da?

System 1 sagt: Das geht wieder 2:3 verloren.

System 2 sagt: Wenn die Mannschaft spielerisch das Niveau hält, ihre Chancen besser nutzt, und in kritischen Momenten konzentrierter bleibt, wird es zwar nächsten Samstag nicht gleich gelingen, von einem Platz auf den Abstiegsrängen auf einen Europokalplatz zu springen, aber ein erster Schritt in diese Richtung ist auch nicht ausgeschlossen.

Und wer nun in sich „Ja, aber …“ hört, weiß, wes Systemes Geist man ist …

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