RB Leipzig vs. 1899 Hoffenheim
Feuerfrei.
Deftigkeit statt Bitterkeit.
Was sich so mancher, gewiss auch TSG Hoffenheim-Fußballfan in seinen Kindheitstagen gewünscht hat, wurde im Spiel gegen Leipzig wahr: sich einmal als Brasilianer fühlen.
Aber weder wie ein Pélé, Zico, Ronaldo („el phenomenon“), Roberto Carlos oder Ronaldino noch wie ein Firmino oder Joelinton, die es bekanntlich vom Kraichgau in die Seleçao schafften, sondern wie ein ganz normaler Guilherme – und das auch nicht während des Karnevals im Sambadromo in Rio de Janeiro sondern während des Halbfinals der Fußball-Weltmeisterschaft am 8. Juli 2014 im Estadio Mineirao in Belo Horizonte.
Voller Vorfreude ging es in eine Partie:
Man wusste, wenn wir dieses Spiel gewinnen, dann stehen wir aber mal so ganz, ganz knapp vor einem Riesentriumph, auch wenn es schwer würden würde, da ein entscheidender Spieler verletzungsbedingt fehlen wird (Neymar, Avdullahu), aber der Mann an der Seite hat die nötige Expertise und der Kader die nötige Klasse, das zu kompensieren, außerdem weiß die Mannschaft, worum es geht, sie wird sich zusammen- oder wahlweise den Arsch aufreißen, schließlich will sie als Einheit sowie jeder Einzelne von ihnen diesen entscheidenden Schritt machen.
Mit hängenden Köpfen ging es raus. Wir wurden abgeschossen und in unsere Einzelteile zerlegt. So sagt man das wohl heute. (Das passt auch besser zu unserem gestrigen Auftreten, das doch sehr blutleer war. Zu Zeiten Pélés hätte man gesagt: „abgeschlachtet“.)
Oder für die, denen das mit dem „in seine Einzelteile zerlegen“ noch zu bildhaft ist, gibt es noch die Formulierung „filetiert“.
Das passt perfekt in unsere Zeit: Ändert zwar nichts an der Sache selbst, aber es klingt weniger grob, dafür gebildet, nach Klasse, nach Auswahl statt Wahllosigkeit oder triefender Gier wie ein Schweinenacken oder Bauchspeck.
Auch ganz interessant ist ja auch, dass wir heutzutage immer veganer, zumindest vegetarischer leben, aber dennoch gerne und viel grillen. Aber eben statt tierischer Produkte (junges) Gemüse und Menschen, wenngleich Letztere (Stand jetzt) nur verbal. Auch wenn es mehr und mehr Elektrogrills gibt, der Mensch scheint doch eine unbändige Lust am Feuer zu haben – und sei es metaphorisch.
Unsere Mannschaft bemühte sich redlich die erste Viertelstunde, das Feuer zu entfachen.
Normalerweise nimmt man dafür einen scharfen Feuerstein (Flint), ein eisenhaltiges Schlageisen (oder Pyrit) und trockenen Zunder (z.B. Zunderschwamm, Birkenrinde). Man schlägt schräg mit dem Stahl gegen den Stein, um heiße Funken in den Zunder zu lenken. Der entstehende Glimmpunkt wird durch sanftes Pusten in einer Zundernest-Flamme entfacht. So weit die Theorie.
Nur was tun ohne Flint (in der deutschen Übersetzung der Zeichentrickserie: Fred (Feuerstein) – Andrej Kramaric saß auf der Bank –, ohne Pyrit (Avdullahu) und ohne Zunder (Asllani und Touré sind halt doch noch zu feucht hinter den Ohren, als dass sie allein etwas zum Lodern bringen könnten)?
Eine weitere Methode ist ja Reibung. Nun sind Bernardo und Coufal schon aus einem besonderen Holz geschnitzt, und die Reibung von Holz gegen Holz ermöglicht es ebenfalls, Feuer zu machen, …
Die Drehung eines vertikalen Bohrers auf einem horizontalen Brettchen ist die am häufigsten verwendete Technik. Eine kleine Kerbe im Brettchen, auf der der Bohrer aufliegt, leitet das Sägemehl ab und belüftet es. Die Reibung erzeugt Wärme und entzündet die fein faserigen Agglomerate, die sich in der Kerbe ansammeln. Anschließend kann diese Glut ein Feuer aus trockenen Blättern oder sehr brennbaren Pflanzen entfachen.
…, aber die beiden sind auf dem Feld einfach zu weit auseinander, als dass von ihnen ein Funke überspringen könnte. Zudem war Zufall gestern weniger Eiche denn Kiefer. Zu weich, zu wenig Biss, und schon stand’s 1:0.
Die Leipziger nahmen für ihr Feuer einfach einen Grillanzünder, den sie in Spiritus tränkten – und schon der erste Funke ließ bei uns alles lichterloh brennen.
Sie schossen in der 17., 21., 30., 44. und 45.+1. Minute auf unser Tor und jedes Mal landete der Ball im Netz. Wäre der letzte Treffer nicht wegen Abseits aberkannt worden, hätte es noch eine Parallele mehr zum legendären Halbfinale der WM 2014 gegeben. So ging es nur mit 0:4 in die Pause – und dennoch war da schon nicht nur Platz 3, sondern auch der Champions League-Platz verloren.
Das Spiel zwar noch nicht, aber der Glaube daran – und spannenderweise weiß man und akzeptiert man das in unserem Kulturkreis, dass man – zumindest im Fußball – seine Ziele ohne Glauben nicht erreicht.
In anderen Kulturkreisen glaubt man nicht nur an den Fußballgott. Da beugt man sich noch irgendwelchen Regeln und Ritualen, ganz gleich, was die Wissenschaft dazu sagt, dass es sicherlich nicht gesundheitsfördernd ist, wenn man beispielsweise 12 Stunden am Tag nichts isst, nichts trinkt. Auch wenn man das zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang kompensieren kann, schwächt das den Körper natürlich. Bis er wieder normal bei Kräften ist, braucht das seine Zeit. Leider war die Zeit für unsere Mitspieler muslimischen Glaubens zu kurz zur Kompensation. Erst am Vorabend des Spiels ging der Ramadan 2026 zu Ende.
Die christliche Fastenzeit (Quadragisima (kath.), Passionszeit (ev.)) hingegen dauert noch an – und auch wenn den Christen (oder christlich sozialisierten Atheisten) diese Zeit egal, wahrscheinlich nicht mal mehr bekannt ist (obwohl nämlich ihre Einleitung allen geläufig ist („Fast-Nacht“ bzw. „Karneval“ (lat., frei übersetzt: „Tschüss, Fleisch“)) hat die TSG sie zu spüren bekommen.
Natürlich und (jedwedem) Gott sei Dank ist die TSG überkonfessionell, aber die Durststrecke unseres Dorfvereins zeigt, dass wir seit Fasching eine echte Passions-, im Sinne von Leidenszeit hingelegt haben. War die Partie vor ihrem Beginn noch ein Fest (3:0 gegen den SC Freiburg) holten wir seit dem in den fünf Partien gerade einem fünf Punkte – und das obwohl wir (bis auf gestern) nur gegen den Tabellenkeller spielten.
Es ist natürlich im Sinne christlicher Nächstenliebe löblich, dass man, wenn man oben steht, denen hilft, die unten stehen, aber das wahre Leben zeigt auch die Gefahren dessen auf: Manche von denen können einen selbst ganz schön runterziehen.
Zum Glück hatten wir den modernen Quatsch wie „Dry January“ oder was sich Atheisten sonst so als Zeit der Zurückhaltung auferlegen – scheint wohl ähnlich dem Feuer etwas Menscheninhärentes zu sein – nicht mitgemacht, sondern uns da ein solides Fett-, genauer: Punktekonto angefressen, so dass wir jetzt nicht ins Bodenlose stürzten, aber wir nahmen schon enorm ab: Schnelligkeit, Dynamik, Effizienz, aber auch Einsatzbereitschaft, Spielwitz und last but not least Selbstbewusstsein.
Das schwand in den letzten Wochen noch mehr als unser Vorsprung aufs tabellarische Niemandsland. (Sollte Sonntag die Eintracht bei unserem nächsten Gegner gewinnen, wären das immer noch neun Punkte.)
Doch der Glaube ist eine Sache. Vom Beten allein wird nichts gut. Da hört man zwar auch innere Stimmen, die religiös anmuten („Heiliger BimmBamm“, Hallelujah“, „Habt Erbarmen“), aber noch weiter von der Heilsbringung entfernt sind, als wir, insbesondere Prass, defensiv von unseren Gegenspielern.
Das war ganz, ganz schlimm mitanzusehen, und wir sehen uns in unserer bereits in der Nachbetrachtung zur Partie der letzten Woche gegen Wolfsburg geäußerten Befürchtung bestätigt, dass wir unsere Normalform 2025 erreicht haben.
(Der Satz hat dieselbe Logik, wie Paul Gettys „Ohne Werbung wäre ich heute Millionär.“ Um den Gag zu verstehen, muss man wissen, dass der Mann mehrfacher Milliardär war. Das Zitat / Der Satz spielt also mit der Erwartung, dem Cliché, der Erwartung und/oder den Ressentiments der Menschen gegenüber Werbung, die ja angeblich eh nur nervt und nichts bringt. Diese Meinung haben viele. Paul Getty nicht. Wer hat nun Recht?)
Wir wollen mit unserer Befürchtung gar nicht Recht haben. Ja, das mag dich, geneigte/r Leser/in überraschen, aber es geht der TSG fast immer besser, wenn wir (also die Mehrheit unserer Mitglieder) NICHT Recht haben („Rosen nicht entlassen“, „Grillitsch unbedingt halten“, „Ilzer raus“). Das, was uns besonders macht, ist, dass, wenn wir die Wahl haben zwischen „Recht haben“ und „glücklich sein“, Letzteres absolut vorziehen. Und diese Einstellung haben nicht viele.
Die Einstellung der Mannschaft warf Fragen auf, aber auch ihre Aufstellung sowie ihre Ausrichtung:
Ilzer glaubt wohl immer noch an die Kombi Prass/Coufal rechts. Und er dachte sich wohl, dass Burger und Prömel das Mittelfeld gerade defensiv stärken könnten und auch das Spiel nach vorne zu strukturieren in der Lage wären. Dazu Lemperle und Touré für die Nadelstiche sowie Asllani für die Steckpässe – und dass alle die auch einen Rückwärtsgang hätten. Hatten sie aber nicht, dafür die Gastgeber massig Freiraum, den sie leider auch zu nutzen verstanden. Wir hatten einen richtigen Schuss aufs Tor. In der 88. Minute. Da stand es inzwischen 5:0.
Eine Niederlage, nach der man sagt, lieber einmal so als fünf Mal 0:1. Das ist ein Trost, gewiss, aber 0:1 hatten wir in der Fastenzeit auch schon. Und letzte Woche auch – fast.
Als Attribut nimmt man gerne noch „deftig“ dazu – oder „bitter“. Nur „bitter“ war sie nicht wirklich. „Bitter“ wäre schön gewesen, denn „bitter“ ist eigentlich gut.
Bittere Lebensmittel wie Chicorée, Radicchio, Endivie, Rucola, Artischocken, Rosenkohl, Brokkoli, Mangold, Radieschen, Sellerie; Löwenzahn, Chicorée, Kresse, Petersilie, Basilikum, Minze, Wermut; Grapefruit, Bitterorange / Pomeranze; Kaffee, grüner Tee, Schwarztee, Bittergetränke wie Aperol, Campari, Underberg sowie Bitterschokolade (>70–90 %), Oliven, Olivenöl, Walnüsse, Kurkuma, Enzian fördern die Verdauung (mehr Speichel, Magensaft, Gallenflüssigkeit, Bauchspeicheldrüsensekrete), haben zusätzlich antioxidative, entzündungshemmende oder antimikrobielle Eigenschaften, fördern indirekt ein besseres Sättigungsgefühl, weil sie den Heißhunger auf sowohl Süßes als auch Fettiges reduzieren können. Offenbar waren die Punktverluste nicht bitter genug.
Aber auch das passt in die Zeit, denn in den letzten Jahrzehnten wurden viele Amara (Bitterstoffe) aus Gemüse herausgezüchtet. Chicorée, Radicchio, Rucola schmecken heute wesentlich gaumengefälliger als noch vor wenigen Jahren. Folge: Die Lust auf Deftiges wird weniger reduziert – und ZACK haben wir den Sal…Arsch aber mal so was von versohlt bekommen.
Naja, vielleicht sorgte diese fette Niederlage für die nötige Sättigung. Zeit zu verdauen ist ja jetzt. Jedenfalls haben wir diese Normalform 2025 satt.
Aber nun denn, vielleicht gibt es ja tatsächlich einen kosmischen Zusammenhang zwischen Passionszeit und Punkteausbeute. Dann wollen wir mal daran glauben. Und uns freuen darüber, dass das letzte Wochenende der Fastenzeit in der Bundesliga spielfrei ist. Zumindest die Passion Jesu endet Karfreitag, aber da ist eh spielfrei.
Doof nur, dass wir Ostersamstag spielen. Ostersonntag ist erst der Tag der Auferstehung. Aber nachdem wir zuletzt so sehr Ball und Gegner sowie Rückstand hinterherliefen, gelingt es uns nach der Länderspielpause hoffentlich wieder, der Zeit (und dem Gegner einen Schritt) voraus zu sein.
Auf dass wir dann wieder so spielen, dass wir nicht „Oh, schöne Scheiße“ sagen müssen, sondern – wie man in Brasilien das schöne Spiel (leidenschaftlichen, kreativen Fußball) bezeichnet: „O jogo bonito“

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