OFI Kreta vs. 1899 Hoffenheim
Europa – weit weg vom Olymp
TSG verliert klassisch im Reich von Kreta.
„Europa. Wir spielen in Europa.“
Unsere Freude war groß am Ende der letzten Saison. Sind wir in der vorletzten doch fast abgestiegen, sind wir eine Spielzeit später mit einer im Grunde komplett neuen Mannschaft ganz knapp an der Teilnahme für die Champions League gescheitert. Doch auch die Teilnahme am zweitgrößten UEFA-Wettbewerb machte uns glücklich – und leider auch überheblich. Und alle, insbesondere die Fans.
Man darf, nein: eigentlich muss man sich wundern, woher so viele diese Hybris nahmen, OFI Kreta einfach so wegzuhauen, eine Mannschaft, die zuletzt weit mehr gerissen hat als wir:
- Sie gewann in der letzten Saison den griechen Verbandspokal, …
- … worüber sie sich für (nur) die Qualifikation (3. Runde) zur Europa League qualifiziert hatte, …
- … dort ZSKA Sofia mit 3 respektive 2:0 besiegt hatte.
- Sie gewann dann zu Beginn dieser Saison den griechischen Supercup gegen AEK Athen (im Elfmeterschießen), …
- … hat sein rund zehn Spielen kein einziges Gegentor hinnehmen müssen und ist entsprechend auch …
- in der laufenden Spielzeit ungeschlagen (inkl. eines 0:0 gegen PAOK) und …
- … steht da im oberen Tabellendrittel der 1. Liga der Hellenen.
Es ist also keine Ouzo-saufende Thekenmannschaft von Olivenbauern eines Eck-Kafenions, die sich regelmäßig zum Plattmachen von Apollo-Tellern trifft.
Ja, geneigte/r Leser/in, du hast natürlich Recht: Wenn schon, wären es Zeus-Platten.
Wenn sich jetzt wer fragt „HÄ? Raklion?“, dem sei empfohlen, sich mit dem Gegner etwas vollumfänglicher auseinanderzusetzen. Denn so richtig oben genannte Fakten sind, und so wichtig diese auch zur richten Einschätzung der Erwartung gewesen wäre, so elementar ist es für den Erfolg, auch die Aura eines Ortes zu erfassen.
Und das ist jetzt kein Vorwurf daran, dass die TSG kein Abschlusstraining am Vorabend am Spielort absolvierte. Aber vielleicht hätte man den Flug dazu nutzen können, den Jungs zu vermitteln, wo sie überhaupt spielen, nämlich nicht nur in Europa, sondern auch bei ihr.
Kreta ist die Insel der Europa. Europa ist die phönizische Prinzessin, die Zeus in Gestalt eines Stieres an die Gestaden der Insel entführte, auf der er geboren wurde. Sie wurde zur mythischen Stammmutter und erste Königin Kretas – und Namensgeberin unseres Kontinents.
Man kennt sich dort also mit Entführung aus – und macht es (nicht zuletzt dank des Schutzes von Zeus sowie Minos, Rhadamanthys und Sarpedon) entsprechend schwer, von dort wen oder was zu entführen – und seien es Punkte.
Minos, Rhadamanthys und Sarpedon sind jetzt nicht die Stars von OFI Heraklion, es sind die Söhne von Zeus und Europa.
Es gibt überhaupt keine Stars bei OFI Heraklion, es gibt eine eingespielte Mannschaft, ein völlig verinnerlichtes System sowie der tiefe Glaube an die eigene Stärke – genährt aus der Historie, dem Wissen, dass der Göttervater Zeus, der später im fernen Olymp herrschte, dort geboren war sowie den letzten sportlichen Erfolgen.
Wer das nicht wusste und/oder als esoterischen Quatsch abtat, war schon zum Verlieren verdammt. Sieger haben immer eine sehr genaue Vorstellung von allem, was ihren Sieg beeinflussen kann – und im Idealfall spielen sie das vorher in ihrem Kopf durch, bevor sie es auf dem Feld erleben.
Dadurch „trainiert“ das Gehirn die entsprechenden neuronalen Bahnen, als ob die Situation schon real stattgefunden hätte. Wenn sie dann wirklich eintritt, fühlt sie sich vertraut an. Es kommt keine Nervosität auf, wenn etwas passiert, was gegen den eigenen Erfolg spricht, z. B. ein Gegentor, weil das Überraschungsmoment fehlt und man sich mental auch darauf vorbereitet hat. Sportpsychologen sprechen hier von „Mental Rehearsal“ oder „Imagery“ – oder „Bewegungsvorstellungstraining“ – und das muss man nicht am Spielort absolvieren.
Unsere Mannschaft tat das nicht. Sie wirkte von Anfang an überrascht, dass es genauso war, wie die Trainer vorab sagten – und entsprechend gelähmt gingen sie ans Werk.
Ja, es kam sehr schnell zu sehr viel Ballbesitz, aber dabei kam wenig Zählbares raus. Eine Chance, um genau zu sein – was wiederum kein Vorwurf ist. Es ist irre schwer gegen zwei Abwehrreihen zu spielen, die 17 bzw. 12 Meter vor dem eigenen Tor stehen. Ein tiefer Ball landet schnell im Aus oder ein Spieler steht beim Zuspiel im Abseits, und bei Steckpässen kommt es zu Ballverlusten, und mit jedem gescheiterten Versuch steigt der Frust, die Tendenz zur Brechstange nimmt zu, die Schnelligkeit und Präzision im Passspiel ab.
Und wenn man dann doch gnadenlos effizient ausgekontert wird und in Rückstand gerät, wird es noch schwieriger (und die Beine schwerer), insbesondere wenn die nötige mentale Vorbereitung fehlt.
Wir hielten zwar den Druck hoch, doch die Gastgeber rückten ihre Reihen dann sogar auf vier bis drei Meter zusammen.
Wer hier was vorwurfsvoll fabuliert von „Wir tun uns gegen tiefstehende Mannschaften schwer!“, der sei an die beiden letzten Bundesliga-Partien des Deutschen Meisters erinnert – gegen Gegner, die letztes Jahr noch in der 2. Liga spielten und nicht im nationalen Pokalfinale.
Oder gegen das Sechzehntelfinale der deutschen Nationalmannschft bei der Fußball-Weltmeisterschaft.
Nicht „wir“ tun uns schwer gegen solche Mannschaften, sondern alle, weil es schwer ist, vor allem, wenn es sich bei dem tiefstehenden Team um eine eingespielte Mannschaft handelt mit einem verinnerlichten System wie OFI.
Und wenn man nun an die Sache rangeht, weil man glaubt, der Sieg sei selbstverständlich, der ist genauso verblendet wie Dareios I., der glaubte, er muss nur mit genug Selbstbewusstsein und Masse gegen die Griechen antreten, dann wird das schon. Datis und Artaphernes hatten es allerdings verkackt, weil sie nicht mit der gewaltigen Gegenwehr gerechnet hatten.
Und wie aufopferungsvoll die Griechen kämpften zeigte sich an Pheidippides – im Grund der Kadarabek, Coufal seiner Zeit.
„Bedenken Sie, wie schön der Krieger, der die Botschaft, die den Sieg, den die Athener bei Marathon, obwohl es in der Minderheit war, errangen, verkündet hatte, brachte, starb.“
Pheidippides war der Bote, der Mann, der Läufer, der die Siegesnachricht in die etwas über 42 Kilometer entfernte Hauptstadt brachte – und damit den Marathonlauf begründete.
Und am Willen, der reinen Laufleistung lag es auch im 2. Durchgang nicht, dass wir keine nennenswerte Chance erarbeiten konnten.
Es lag an der vermeintlich destruktiven Spielweise der Gastgeber, die ihrem Land aber 2004 den Europameistertitel brachte – unter „Rehakles“.
Spätestens mit dem 0:2 nach einer schlecht verteidigten Ecke war der Wille unseres Team gebrochen – …

… und die Herzen der Fans. Aber sie waren daran auch nicht ganz unschuldig.
Irgendwie gingen sie in die Partie wie Dareios I. die seinen in den Krieg 490 v. Chr. bei Marathon ziehen ließ. Oder sie dachten, sie seien Xerxes I., der zehn Jahre später (480 v. Chr.) gegen die Griechen gewann (genauer: die Spartaner) – allerdings war das quantitativ ein komplett anderes Duell (100.000 gegen 300). Die 300 (im Falle unserer Fans: 500) verloren, aber heldenhaft – und das wollen wir auch unserer Mannschaft nicht absprechen. Sie hatte alles in ihrer Macht Stehende versucht, sich gewehrt, aufgebäumt, aber ist letztlich gescheitert – im Reich von Europa.
Und es gibt ja die Chance zur Revanche gegen die Helenen – im Januar. Und zur Wiedergutmachung am Sonntag. Und da ist ja noch genug Zeit, sich auch mental darauf vorzubereiten.
P. S. Wir empfehlen sich zu informieren über Karl den Großen und Widukind, den Widerstandskämpfer, die mit Abstand bekanntesten historischen „Krieger“-Persönlichkeiten aus der Stadt unseres nächsten Gegners. Dort hielt Karl der Große rund 1000 Jahre nach den bisher geschilderten kriegerischen Auseinandersetzungen (777 n. Chr.) den ersten fränkischen Reichstag auf sächsischem Boden ab. Aus der damaligen „Karlsburg“ entwickelte sich die spätere Pfalz sowie die Stadt Paderborn.

Submit a Comment