1899 Hoffenheim vs. FC St. Pauli
Ganz ehrlich …
Niederlage gegen den FC St. Olperstein
Der Fußballgott ist ein strafender Gott. Zwar liebt er Humor, aber er hasst Hybris (Überheblichkeit). Er belohnt De-, er bestraft Hochmut. Und er sieht es ganzheitlich. Deshalb kann es passieren, dass man leidet, obwohl man selbst gar nichts falsch gemacht hat. Diesmal traf sein Zorn die Mannschaft auf dem Feld – und die traf es wegen dir, geneigte/r Leser/in, uns und dem Team ums Team im Vorfeld. Und er bestrafte uns, weil er uns liebt.
Das Team ums Team erkannte seinen Fehler. Auch noch im Vorfeld. Die Werbung für die Partie stand unter dem Motto „Kies gegen Kiez“, was er noch als Witz hat durchgehen lassen. Ja, da schwang für den ein oder anderen vielleicht auch etwas Arroganz mit, aber die wurde kompensiert durch den Respekt vor der Herkunft des Gegners, der ja auf seinen „Kiez“ stolz ist – und dieser Stolz wurde durch dieses Motto nicht diskreditiert.
Ganz anders verhielt es sich mit einem Meme, das die Marketingabteilung für seine Social Media-Kanäle produzierte – und dann aber zurücknahm. Das ist sehr zu loben: Zum einen, weil man was wagte. Dabei kann es immer mal passieren, dass man über das Ziel hinausschießt. Das ist aber allemal besser, als nie was zu riskieren – und damit nicht mal in die Nähe eines Ziels zu kommen. Wichtig ist nur, dass man nicht in seinem Stolz verhaftet, sondern aus Erkenntnis Einsicht gewinnt, Reue zeigt und Besserung gelobt. Das tat sie – und damit ist sie weiter als wir Fans. Wenn man mal ehrlich ist …
Eine sehr schöne Formulierung, oder? Wenn man es liest, merkt man es gleich, aber wenn man es sagt, fällt einem das „mal“ gar nicht so auf – und sein mitschwingender Ausnahmecharakter.
In die gleiche Kerbe – und die Problematik der Gegenwart in puncto „Ehrlichkeit“ – schlägt eine weitere, die recht moderne Formulierung „sich ehrlich machen“. Da schwingt schon die Mühsal und Beschwernis mit sowie die Notwendigkeit der Selbstbezüglichkeit: nicht andere müssen an der eigenen Ehrlichkeit arbeiten, nur man selbst muss sich selbst und sein Selbst in Einklang mit der wirklichen Wirklichkeiten bringen.
Für Fachleute witzigerweise hat das Kierkegaard wesentlich einfacher ausgedrückt:
„Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.“
Wenn man sich das aber genauer zu Gemüte führt, spürt man die Schwierigkeit. Meist drückt sich diese aus in einem recht tonlosen, dennoch grundlegend genervten: „HÄ?“
Für den Hintergrund:
Für Kierkegaard ist der Mensch nicht einfach eine fertige Substanz, sondern eine spannungsvolle Synthese aus vielen „Gegensätzen“ (Endlichkeit/Unendlichkeit, Zeitlichkeit/Ewigkeit, Freiheit/Notwendigkeit), die sich aktiv zu sich selbst und zu ihrem Grund ins Verhältnis setzen muss. Der Grund, warum man überhaupt Mensch ist, ist Gott. (Geneigte/r Leser/in, erstens geben wir hier nur wieder, was Kierkegaard meinte, zweitens kannst du das gerne komplett anders sehen, drittens empfehlen wir das nicht, denn Gott hat zwar nichts dagegen, wenn man an ihm zweifelt – ihm kümmert es auch nur sehr bedingt, wenn man mal an ihm verzweifelt, aber seine Existenz in Gänze in Frage zu stellen, da kann er böse werden – gerade in der Variante Fußballgott, dessen Existenz ja wohl eindeutig unstrittig ist – wie wir wieder gerade wieder einmal beweisen.
Laut Kierkegaard entsteht Verzweiflung genau dann, wenn dieses Verhältnis „daneben gerät“ – wenn man entweder nicht man selbst sein will oder verzweifelt man selbst sein will, aber ohne sich in der Macht zu gründen, „die es setzte“ – sprich (unsere Worte, nicht Kierkegaards): (den Fußball-)Gott als Basis für alles zu nehmen.
Und welches Wort beschreibt unseren Zustand nach der Heimniederlage gegen die Kiez-Kicker bzw. die Gemütsverfassung unserer Spieler nach der Begegnung besser als „Verzweiflung“?
Dabei wollen wir nicht unbedingt der Mannschaft einen Mangel an Demut unterstellen, aber … doch … ein bisschen schon. Wir Fans aber waren maximal undemütiger.
Vor weniger als einem Jahr gingen wir alle mit maximaler Nervosität ins Stadion. Die Unsicherheit ob des Ausgangs des Spiels waren selbst bei größter Zurschaustellung von Zuversicht prägend für unsere Gedanken. Oftmals glich der Gang ins Stadion einem Pilgermarsch, bei dem vor allem gebetet wurde. Dass man nicht unter die Räder kommt. Dass man diesmal was reißt. Dass man gewinnt. Dass man mal sein Potenzial in was Zählbares wird ummünzen können. Und auch in Phasen des Erfolgs ward bei Begegnungen gegen Mannschaften aus dem Tabellenkeller der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass man nicht als Aufbaugegner diene. Von alledem war nichts zu hören, nichts zu spüren. Ja, niemand ging von einem Kantersieg aus, einer Dominanzpräsentation, einem Feuerwerk an filigranster Fußballkunst, aber die drei Punkte selbst? Formsache.
Und die Form sprach ja für uns: 8 Heimsiege in Folge, St. Pauli auf Platz 16, erst ein Sieg in der Ferne. Also, bitte, was soll da denn schief gehen? Und genau dieses Gedankengut von uns (!) wurde unserer Mannschaft zum Verhängnis.
Widerspreche nicht, geneigte/r Leser/in.
Tief drin hast du niemals in Erwägung gezogen,
dass wir dieses Spiel punkt- und torlos beenden würden.
Mach‘ dich ehrlich!
Und ganz ehrlich: Wir waren keine Fans von Christian Ilzer. Wir hätten seine Entlassung am Ende der letzten Saison (bei sehr wenigen Gegenstimmen) gefeiert! Und vor der Saison waren wir uns sicher, dass er nach der zweiten Länderspielpause nicht mehr bei uns auf der Bank sitzen würde. Und seine Pressekonferenzen nervten uns. Sie waren – und sind es immer noch – so unterhaltsam wie das Gekicke der letzten Saison. Unnu kommt’s … ABER!
Seine Pressekonferenzen muten immer noch an wie Predigten eines Besessenen: Sie sind nicht witzig, sie sind nicht geistreich, sie sind nicht geprägt von Eloquenz oder gar Lockerheit – Sie sind en point!
Er ist der Mahner in der Wüste! Er ist da nicht locker – und er lässt nicht locker zu betonen, dass wir noch gar nichts erreicht haben. Ja, wir können Großes erreichen, aber das geht nur Schritt für Schritt. Ganz langsam, ganz langweilig. Aber ein jeder muss sicher gegangen werden, weil man sonst aus dem Tritt kommt und stolpert.
Das mag banal klingen, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht:
Ein Schritt gliedert sich in Standphase (ca. 60 %) und Schwungphase (ca. 40 %) des Schrittzyklus.
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- Anfangskontakt (Initial Contact, 0 % Zyklus):
Eine Ferse setzt zuerst auf, das Knie ist leicht gebeugt (ca. 15–20° Flexion), die Hüfte gestreckt; der Fuß in Dorsalflexion (Zehen hoch). - Belastungsübernahme (Loading Response, 0–10 %):
Knie streckt sich explosiv (von 15° Flexion auf 5°), Knöchel plantarflektiert leicht (Fuß senkt sich); Körpergewicht wird über Ferse → Mittelfuß → Großzeh abgerollt (Pronation des Fußes). - Mittlere Standphase (Mid Stance, 10–30 %):
Das Knie ist vollständig gestreckt, die Hüfte streckt sich weiter (bis 0°), der Körperschwerpunkt wandert über das bewegte Bein; das Becken kippt leicht (4–7° seitlich zur linken Seite), und es erfolgt eine Rotation um vertikale Achse (ca. 4°). - Terminal Stance (30–50 %):
Der Vorfuß (Mittelfuß/Großzeh) drückt ab (Toe-Off), der Knöchel plantarflektiert (10–15°), die Hüfte ist maximal gestreckt, und der Trizeps sura (Wadenmuskel) treibt vorwärts. - Preswing (50–60 %):
Die Zehen heben ab, Knie beugt sich (bis 30–40° Flexion), Hüfte flexioniert leicht (10°). Es beginnt der Übergang zur Schwungphase des bewegten Beines. - Initial Swing (60–73 %):
Hüftbeuger (Iliopsoas) ziehen Oberschenkel vorwärts (Hüftflexion 20°), Knie flexioniert passiv durch Schwerkraft (bis 60°), Fuß dorsalflektiert (Zehen hoch, um Boden zu vermeiden). - Mid Swing (73–87 %):
Maximal Hüftflexion (ca. 30°), Knie maximal gebeugt (60–70°), Unterschenkel schwingt vorwärts; kontralaterale Armbewegung (der „gegenüberliegende“ Arm vor). - Terminal Swing (87–100 %):
Knie streckt sich (Quadrizeps), Hüfte stabilisiert; Fuß bereitet Heel Strike vor – Zyklus schließt sich mit dem Schritt des bisherigen Standbeins an.
- Anfangskontakt (Initial Contact, 0 % Zyklus):
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An dieser Detailbetrachtung sieht man, dass ein Schritt, so einfach er auch aussehen mag, ein hochkomplexer Vorgang ist. Und das wird ja noch komplexer, wenn es eine Hürde zu überwinden gilt. Dabei klappt das bei großen Hürden meist besser, weil man da genauer hinschaut. Man muss aber immer genau hinschauen. Und Christian Ilzer weiß das. Er schaut genau auf den Weg. Doch wir, aber auch die Spieler, geben gerne mal den Bruder Leichtfuß.
So kamen wir schon beim letzten Auswärtsspiel ins Straucheln. St. Pauli erwies sich als St. Olperstein. Wieder mal, denn –wir konnten noch kein einziges Spiel gegen den FC St. Pauli zuhause gewinnen. Aber das hatte keiner ernsthaft auf dem Schirm …
Dabei ging es ja sehr gut los. Wir gingen sehr beherzt und konzentriert zu Werke. Die Mannschaft schien sich dessen bewusst zu sein, dass das kein Spaziergang werden würde, also marschierte sie von Anstoß an aufs gegnerische Tor zu. Gelegenheiten für den 9. Heimsieg in Folge gab es allein in den ersten zehn Minuten mehr als genug.
Die Leichtigkeit in der Anfangsphase verführte insbesondere Kramaric vom Weg dergestalt abzukommen. Zumindest schien es so, dass es ihm nicht nur darum ging, das Ziel zu erreichen (Tor), sondern dies auch mit einem ästhetischen Wert zu versehen. („Wenn ich schon die Wahl des „Tor des Jahres“ nicht gewinnen, dann belege ich aber mindestens Platz 2 UND 3.“)
Ähnlich verspielt wirkten Asllani und Avdullahu, während bei Burger und Coufal ungewohnt wenig lief. Touré rannte zwar wie gewohnt viel, aber traf jedes mal kurz vorm Ziel die falsche Entscheidung.
So hielt der Schlendrian nach und nach mehr und mehr Einzug. Die Zuspiele wurde mit zunehmender Spieldauer zunehmend unpräziser. Die Laufbereitschaft blieb zwar hoch, doch die eingeschlagenen Wege verloren mehr und mehr das Ziel aus dem Auge und letztlich verhedderte man sich mehr und mehr im Dickicht der Defensive der Gäste.
Niemand nahm dann auch mal resolut das Zepter, genauer: die Sense in die Hand, um mal eine Schneise in den Kordon der sich in den Weg stellenden Körper zu schlagen, d.h. Pass in die Tiefe. Statt dessen versuchte man den Raumgewinn durch viele hohe Bälle zu erzielen, was diesmal nicht gelang, weil uns die Lufthoheit fehlte. Mehr als ein Mal gab es Kopfballstafetten im Mittelfeld zwischen einzelnen Spielern beider Mannschaften, was erheblich zum Bröckeln der Struktur im Spiel beitrug. Genauer: unseres Spiels.
Die Gäste hatten lediglich in der Anfangsphase einen (sehr gefährlichen) Schuss aufs Tor, danach kam nichts Großes mehr von ihnen. Zwar kamen sie durchaus auch mal in Strafraumnähe und da auch in für uns gefährliche Situationen, aber die konnten in letzter Minute immer wieder von Hajdari und Kabak weggegrätscht, weggeblockt, abgewehrt werden.
Außer in der 4. Minute der dreiminütigen Nachspielzeit. In der letzten Szene der ersten Halbzeit gab es die entscheidenden Szene des Spiels, weil wir nicht entscheidend geklärt haben. So kamen die Gäste auf der Seite durch: Flanke, Kopfball, Tor. Halbzeit.
Es kam dann auch, wie es kommen musste. Wir hatten plötzlich nicht nur ein Fußball-, sondern auch noch ein Zeitspiel als Gegner. Von Wiederanstoß an kämpften die Gäste um jede Sekunde zu ihren Gunsten. Das machten sie nicht unfair, sie machten es nur unglaublich geschickt – und keinerlei Anzeichen dafür, dass sie aufs zweite aus sind.
Die Mannschaft mühte sich redlich, aber das Tor der Gäste war unzugänglich. Immer wieder stellten sich die Gästeverteidiger in den Weg und unsere Spieler vor die Riesenaufgabe, da ein Durchkommen zu finden. Fanden wir nicht. Und wenn, dann scheiterten entweder an ihrem Torwart oder dem Torgehäuse.
Und so blieb es beim 0:1. Und wir waren Schuld. Weil wir mindestens den Punktgewinn gegen den Tabellen-16. als selbstverständlich ansahen. Aber das wird uns nächste Woche beim Tabellen-18. nicht passieren.
Und der Mannschaft hoffentlich auch nicht. Ilzer wird da schon versuchen gegenzusteuern. Zumindest im Kopf. Was aber, wenn es an den Beinen lag?
Schon das Spiel in Köln hatte nicht mehr die Power wie die Partien zuvor. Unnu gegen Pauli schien auch die letzte Energie zu fehlen. Aber was, wenn nicht? Vielleicht fehlte sie gar nicht, vielleicht war das die wahre TSG, und wir hatten nur eine Phase der Überperformanz?
Nun, wir wissen es nicht. Aber wir sind uns sicher, dass der Fußballgott es zu schätzen weiß, dass wir wieder demütig sind – und es auch bleiben werden, denn die nächsten Gegner sehen auf dem Papier leicht und machbar aus. Aber das ist das Problem mit dem Material – gerade für uns Akademiker.
Da stehen zwar allerlei und zahlreiche sehr wertvolle Informationen, aber nie die Wahrheit. Die liegt auf dem Platz.
Und die TSG trotz Straucheln und Stolpern immer noch auf einem sensationellen, aber niemals selbstverständlichen Platz 3.
Siehst du, Fußballgott? Wir sind wieder demütig.
Ganz ehrlich …

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