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Akademikerfanclub 1899 Hoffenheim Rhein-Neckar Heidelberg 2007 e. V.

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1899 Hoffenheim vs. Borussia Dortmund

Das Trauerspiel
der besonderen Art

7 statt 3 Punkte

Es war überwältigend, wie unsere Mannschaft gestern gefightet hat – und jetzt ist es an ihr und uns, diese Niederlage zu bewältigen. Es herrscht eine große, innere Leere nach diesem maximal unglücklichen und höchst unverdienten 2:3.

Es wurde zu einem Trauerspiel der besonderen Art …

Wir bleiben uns treu. Also wir, der Akademikerfanclub. Auf unseren Seiten nehmen wir ja den Fußball oft, sehr oft zum Anlass, um auch anderes, womöglich noch Wissenswerteres und das möglichst lustig, heiter, gewitzt, zumindest pointiert zu kommunizieren. Das wird aber schwer für uns, denn wir befinden uns immer noch in tiefer Trauer.

Doch nehmen wir uns ein Beispiel an Menschen wir Frau Curie, die Opfer für das Gute brachten und das im Grunde im Selbstversuch. (In Ordnung, sie nicht wirklich direkt und unmittelbar, aber mittelbar.)

Frau Curie erhielt 1903 den Nobelpreis für Physik für die Entdeckung der Radioaktivität, 1911 den für Chemie für die Entdeckung der Elemente Radium (sowie dessen Isolierung) und Polonium. 1934 starb sie an Anämie, höchst wahrscheinlich verursacht durch die jahrelange Arbeit mit radioaktiven Elementen. Ihre Notizbücher sind heute noch so verstrahlt, dass man sie nicht einsehen kann.

Weitere, unmittelbare Selbstversucher, deren Namen heute nicht mehr so bekannt sind:

      • Werner Forßmann.
        Dem deutschen Chirurgen war es von seinen Vorgesetzten verboten zu beweisen, dass sich ein langer, biegsamer Katheter gefahrlos von der Ellenbeuge bis ins Herz einführen lässt. 1929 bewies er es an sich selbst, dass er Recht hatte.
      • Jesse Lazear.
        Der amerikanische Arzt konnte beweisen, dass das Gelbfieber von Moskitos übertragen wird: Er ließ sich stechen, erkrankte und starb kurz darauf daran.
      • Sir Humphry Davy.
        Der britische Chemiker experimentierte zwischen 1795 und 1798 mit Distickstoffmonoxid, sprich: Lachgas. Mit Hilfe seiner Selbstversuche entdeckte er nicht nur die schmerzstillende, sondern auch die berauschende Wirkung des Gases.

Später entdeckte der US-amerikanische Zahnarzt Horace Wells auch noch die Bedeutung der Dosis:
Bei der öffentlichen Präsentation des neuen Mittels an der Universität von Havard reichte die Gasmenge für einen übergewichtigen Patienten nicht aus. Der Mann schrie wie am Spieß. Wells war blamiert – und nahm sich allerdings Jahre später – das Leben.

Die beiden Todesfälle – insbesondere für deren Angehörige. Und damit wären wir wieder beim Thema: Trauer.

Zuallererst gilt es erst einmal festzustellen, dass wir nur ein Fußballspiel verloren haben. Und ein paar Tabellenplätze.

Mehr nicht. Also keine Angehörigen. Keinen uns lieben Mitmenschen. Oder ein uns ans Herz gewachsenes Haustier. Auch kein Arbeitsplatz. Und auch nicht den Glauben an die Mannschaft, den Trainer und daran, dass das noch eine sehr gute Saison wird.

Nichtsdestotrotz trauern wir, dass wir die drei Punkte nicht holten – und haben nun Gott sei Dank zwei Wochen Zeit (stattdessen), die sieben Phasen aka Punkte der Trauer zu durchschreiten, um dann mit aller M8 neu durchzustarten:

1.     Leugnen

„Das kann / darf doch nicht wahr sein!

Bezeichnend für die Phase des Leugnens sind Schockgefühle, Unglaube, Starre und Betäubung. Das Leugnen schützt einen vorübergehend, bis man soweit ist, sich dem Verlust zu stellen. Diese Phase ist wichtig, und es wäre völlig falsch, sie bei aller rationalen Evidenz (dem Verlust) emotional zu verkürzen. Im Falle eines Fußballspiels sollten da zwei, drei Tage genügen. Bei mehr als einer Woche sollte man sich besser professionelle Hilfe holen.

2.     Wut

„Warum?“ / „Warum gegen die?“

Wutgefühle können helfen, sich von den Schmerzen zu erholen. Die Wut zu unterdrücken kann zu Depressionen und Feindseligkeiten führen. Trauernde sollten sich bemühen, ihre Wut auf gesunde Weise zu äußern – darüber reden, die Wut in Bewegungsenergie durch Spaziergänge oder andere sportliche Aktivitäten umsetzen, Tagebuch – oder, für die ganz Hartgesottenen: Spielkommentare – schreiben.

3.     Schuldgefühle

„Warum habe ich nicht…?“ oder „Hätte ich doch nur…“

Wer trauert, stellt sich oft quälende Fragen und macht sich Vorwürfe. Zur Verarbeitung ist es meist leichter, sich selbst Vorwürfe zu machen, als zu akzeptieren, dass etwas unwiederbringlich verloren ist.

Insbesondere bei Auto- und anderen Unfällen, wo man als (treibende Kraft, z. B. Fahrer/in, aktiv) am Geschehen war, sind diese Vorwürfe gegen sich selbst überaus häufig und verständlich. Es kann unter solchen Umständen sehr lange dauern, bis man mit sich selber Frieden schließen kann.

Bei Fußball-, insbesondere Hoffenheim-Fans ist dies in der Regel nicht so. Sie haben per se nie Schuld, was sie aber nicht daran hindert, den anderen Beteiligten ihres Vereins Vorwürfe zu machen. In Fällen wie dem gestrigen, wo das im Grunde nicht möglich ist, sorgt dies ein besonders bedrückendes Gefühl.

4.     Desorganisation

„Aber da … Und da … Und dann … Da …“

Nachdem eine erste Verarbeitung des Verlustes möglich war, bricht sich meist eine große Flut von Gefühlen Bahn: Angst, Widerwille, Zweifel, Erleichterung, Wut und Traurigkeit.

  • Geil, dass Hübner wieder spielt.
  • Hübner spielt, als hätte er nie gefehlt.
  • Hübner war an allen drei Gegentoren unglücklich beteiligt.
  • Ist doch alles scheiße.
  • Der BVB schoss nur drei Mal aufs Tor* – und drei Mal landete der Ball in unserem Netz. (* Das Eigentor Raums zählen wir nicht als Dortmunder Torschuss.)
  • Wieder der erste Gegentreffer beim ersten Angriff des Gegners.
  • Rechts alles sperrangelweit offen und keine Zuordnung. Es war aber auch sagenhaft schnell und über viele Positionen wahnsinnig präzise gespielt.
  • Geil, wie wir zurückkamen.
  • Pfosten, Latte, und dann spielt der Rutter diesen Querpass und der Kramaric vergeigt den. Ja, okay, er kam erst gar nicht ran, weil der Verteidiger in einem irren Tempo angerast kommt und den Ball wegkickt, aber trotzdem … irgendwie.
  • Kramaric Fußballgott. Endlich. Sein 100. Treffer. Ausgleich.
  • So eine Scheiße! So einfach durch die Mitte? Und überhaupt: Vorhin … platziert Richards den Kopfball fünf Zentimeter tiefer geht er unter und nicht an die Latte, spielt der Dormunder den Ball fünf Zentimeter weiter links geht der Ball an Hübners Hacke und es passiert gar nichts. So aber …. So eine Scheiße!
  • Wie wär’s denn mal mit ein paar Qualen für Malen? Der spaziert da links immer durch …. Och, David …
  • Dabbur. Hammer. Rutter. Weltklasse. Da geht noch was …
  • Rudy ….. Das gibt es doch nicht!

Es ist Ausdruck der inneren Ohmacht und eigentlich ein gutes Zeichen. Aber wer jeder einzelnen Gefühlsregung nachspürt, wird sich schnell überfordert fühlen. Die Herausforderung besteht darin, sich dieser Gefühle gewahr zu sein und diese strukturiert verarbeiten zu können. Auch dabei hilft: darüber reden, die Wut in Bewegungsenergie durch Spaziergänge oder andere sportliche Aktivitäten umsetzen, Tagebuch – oder, für die ganz Hartgesottenen: Spielkommentare – schreiben.

5.     Feilschen und Verhandeln, Hadern mit Gott

„Lieber (Fußball-)Gott, mach‘, dass das nicht wahr ist …“

Es kommt vor, dass Trauernde darum beten, dass das Geschehene nicht wirklich geschehen ist. Man sehnt sich ein früheres Früher vorbei, um Chancen zu nutzen, die man zu Leb-/Spielzeiten nicht genutzt hat. Man zeigt Reue, will vielleicht auch Buße tun, es auf jeden Fall besser machen. Und gerade deshalb ist dieser Teil, auch wenn es irrational erscheint, über das Zurückkehren etwas Vergangenem verhandeln zu wollen, kann dies ein normaler Bestandteil des Heilungsprozesses sein.

6.     Depression

„Das Spiel ist aus.“

So plötzlich wie das Ende kommt oft auch die Leere bei dem oder der Trauernden. Da ist keine Energie mehr, keine Zuversicht. Für nichts mehr. Den Trauernden fehlt plötzlich selbst für Aktivitäten, die ihnen zuvor Freude gemacht haben, jegliches Interesse.

Eine Trauerdepression ist, auch wenn es vielleicht nicht so aussieht, vorübergehender Natur. Die Dauer solcher Depressionen ist von Person zu Person verschieden. Es ist durchaus normal, dass die Betroffenen sich monatelang depressiv und niedergeschlagen fühlen.

Gerade Hoffenheim-Fans, die ja prinzipiell zur Annahme neigen, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, ist dies kein besonderes Phänomen. Bei Fußball-Fans hingegen sollte sich das nicht länger als fünf Tagen hinziehen, wobei der Zeitraum sich natürlich verlängern kann, wenn es eine Reihe von (Punkt-)Verlusten zu verschmerzen gilt.

7.     Angst

„Was soll jetzt aus mir werden?“

Angst ist ein normaler Bestandteil des Trauerprozesses. Das Ende ist so allüberragend im Bewusstsein, dass alle Gefahren der Welt über einen hereinzubrechen scheinen. Es kann zur Besessenheit werden, dass der oder die Trauernde nur noch sieht und hört, auf welche Weise man sterben kann.

Spoiler-Alert aus der Redaktion:
Wir werden alle sterben.

Die wenigsten heute und auch morgen werden die meisten noch überleben. Übermorgen auch. Aber über die Zeit … segnen wir alles das Zeitliche. Das ist ja das Sicherste am Leben eines Menschen: sein Tod.

Und da sagt man immer, man könne sich auf nichts mehr verlassen … Ts …

Trauernde Menschen können vorübergehend außerstande sein, zwischen realistischen und unrealistischen Ängsten zu unterscheiden. Sie können Angst haben, sich die Krankheit zuzuziehen, an der ihre Lieben gestorben sind. Oder sie haben Angst, in ein Auto oder eine Fähre zu steigen, weil ihre Lieben damit bei einem Unfall ums Leben kamen. Es gibt natürlich auch realistische Ängste, die Angst vor einer Erbkrankeit, die Angst, die eine/n überkommt, wenn man in der Savanne von einem Löwenrudel umkreist wird.

Diese Manie wird natürlich intensiviert, wenn sich solche Ereignisse in zeitlich nahen Abständen wiederholen.

Und die TSG hat die letzten drei Spiele allesamt verloren. Sie tritt zwar prinzipiell besser auf als in den ersten drei Spielen der Hinrunde, steht aber nach den ersten drei Spielen der Rückrunde mit nur einem Sieg – und dem Aus im Pokal – schlechter da.

Und jetzt geht es gegen Mainz, wo wir in der Hinrunde ja richtig, richtig schlecht aussahen. „Und wenn wir das dann auch verlieren …“, wäre es in allererster Linie auch nur ein Spiel. Aber noch ist es nicht gespielt, noch ist nichts passiert, also muss man sich auch nicht reinsteigern.

(8.)   Akzeptanz

„Es ist gut so! Und es wird besser …“

Nach großer Verzweiflung und vielen Kämpfen akzeptieren Trauernde schließlich die Realität des Todes eines geliebten Menschen, so dass der Heilungsprozess beginnen kann. Es eröffnen sich endlich neue Möglichkeiten – man sieht Licht am Ende des Tunnels. Das Leben sieht nicht mehr düster aus. Es gibt neue Hoffnung.

Man könnte sich ja auch das Gegenteil obigen Szenarios ausmalen:

Sollten wir am nächsten Spieltag ebenso gewinnen wie Bayern, Köln und Augsburg, stünden wir wieder auf Platz 4 mit zwei Punkten Abstand auf Platz 3. Aber auch diese Partien sind noch nicht gespielt, noch ist also nichts passiert, also muss man sich auch da in nichts hineinsteigern.

Das Spiel gestern? Scheiße gelaufen.
Die 3 Punkte hätten wir hochverdient gehabt, haben sie aber nicht geholt.
Aber noch sind 42 Punkte zu vergeben … und auch wenn wir die nicht alle holen werden:

Nach 20 Spieltagen immer noch oben dran – ist doch super.

 

Sodele. Das ist nun das Ende des Selbstversuchs.
Und wie geht es dir jetzt, geneigte/r Leser/in?
Wie uns?
Besser?

Siehste …

:-)


Fehlermeldung:

In unserem letzten Spielbericht schrieben wir, dass Samassekou für Senegal spiele. Das ist natürlich falsch. Er spielt für Malis Nationalmannschaft, die nächsten Mittwoch im Achtelfinale gegen Äquatorialguinea (als haushoher Favorit) antritt. Im Viertelfinale ginge es dann am Wochenende darauf gegen den Sieger aus Senegal gegen die Kapverden.

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