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1899 Hoffenheim vs. 1. FSV Mainz 05

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Hoffenheim als Karmaleon

Ein Verein auf der Suche nach der Dreieinigkeit

So verständlich die Hoffnung auf eine Wiederauferstehung der TSG nach der 0:5-Schlappe im letzten Spiel bei RB Leipzig war und so frustrierend das Ausbleiben derselben, so logisch war es, denn gestern war der falsche Zeitpunkt. Gestern war nicht Ostersamstag, sondern Karsamstag – und der gilt als „Tag des Wartens“.

Und das taten wir gestern, denn es geschah … eigentlich nichts. Wir haben nicht viel zugelassen, aber zu viel. Wir haben nicht wenig gemacht, aber zu wenig. Wie bereits in der ganzen Fastenzeit über war auch gestern nichts von der Geschwindigkeit, der Spielfreude, der Zielstrebigkeit zu sehen, die uns auf zwischenzeitlich sogar auf Platz 3 in der Tabelle brachten.

Da war die Erwartung natürlich groß, dass wir es wieder in die Champions League schaffen würden, zumindest in einen europäischen Wettbewerb, aber nach der erneuten Niederlage stehen wir nur noch einen Punkt vor der Conference League und ob wir die mit dem aktuellen Auftreten erreichen, ist mehr als fraglich.

Ist das des Trainers Schuld? Nun, er war derjenige, der immer wieder vor „Europa“ als großem Ziel warnte, aber die Spieler hatten plötzlich ein Ziel – und das auch benannt, und sich selbst damit wohl ein Eigentor geschossen.

Niemand hätte uns nach der vorherigen Saison zum Saison-Endspurt in der jetzigen Tabellenregion vermutet. Und das nötigte sogar unseren Hatern so etwas wie Respekt ab. Denn es waren nicht Dietmars Mios, die diesen Erfolg möglich gemacht haben, sondern Dietmars Ösis.

Schickers Einkäufe und Ilzers Talent, daraus eine Einheit zu formen, beeindruckte – und tut das auch heute noch. Nichts mehr ist zu hören vom „Projekt“ oder „Konzept“ TSG, sondern es spielt mehr und mehr der Dorfverein, der Underdog – und prinzipiell liebt der Fußball den Außenseiter. Das Publikum trägt ihn, die Euphorie trägt ihn – manchmal sogar zum Titel. Aber genau da liegt die Falle.

Der Fluch des Außenseiters

Der Underdog darf eigentlich nicht ganz oben ankommen. Nicht als Underdog. Sein Weg ist die Botschaft, nicht das Ziel. Gewinnt er den Titel zu früh, bevor er sich durch kontinuierliche Leistung wirklich in die Elite gespielt hat, zahlt er den Preis später.

Belege:

  • Türkei
    WM-Dritter 2002 – danach jahrelang ohne Qualifikation für eine Endrunde.
  • VfL Wolfsburg
    Meister 2009 – Danach nur noch zwei Mal unter den Top 4, ebenso oft wie auf dem Relegationsplatz, aktuell sogar Abstiegskandidat in der Bundesliga.
  • Leicester City
    Meister 2015/16 – im Winter dieser Spielzeit hatten sie sogar einen Stürmer, einen gewissen Andrej Kramaric, zuviel, den sie dann freundlicherweise (gegen nicht mal sooo viel Geld an die TSG erst einmal) ausliehen. Heute: Abstiegskandidat in der zweiten Liga.

Überhaupt illustriert kaum ein anderer Verein die Theorie so eindringlich wie Leicester City – und zwar nicht nur sportlich.

Vichai Srivaddhanaprabha, der thailändische Mäzen hinter dem Märchentitel, starb am 27. Oktober 2018, als sein Helikopter direkt nach dem Abflug vom King Power Stadium abstürzte und in Flammen aufging. Zwei Jahre nach dem größten Triumph der Klubgeschichte, ausgerechnet über dem Stadion, in dem dieser Triumph gefeiert worden war.

Ohne ihn verlor der Klub seine Seele. Was folgte, war kein sportlicher Niedergang – es war ein Zerfall. Der Underdog-Sieg von 2016 war so weit jenseits alles Erwartbaren, dass die Rechnung besonders hoch ausfiel. Nicht in Punkten. In Schicksal.

Die Hybris der Großen

Auf der anderen Seite: die etablierten Nationen, die glauben, Erfolg sei ihnen strukturell garantiert.

Belege:

  • England
    Weltmeister 1966, seither auf großer Bühne lange Zeit Fehlanzeige. Das „Wembley-Tor“ als Symbol für einen Sieg, der vielleicht keiner war.
  • Italien
    Weltmeister 2006, Europameister 2021, und trotzdem nun zum dritten Mal in Folge nicht für eine WM-Endrunde qualifiziert.
  • Deutschland
    außer 1930 und 1950 immer an einer Endrunde teilgenommen, aber nach dem Triumph 2014 zweimal in der Gruppenphase kläglich gescheitert.

Die Gemeinsamkeit: Irgendwann lebten alle drei mehr vom Mythos als von der Substanz.

Die Demut vor dem Wir

Was unterscheidet die chronischen Sieger der letzten Jahrzehnte? Frankreich, Spanien? Sie haben den Moment gefunden, in dem aus Einzelkönnern eine Mannschaft wurde. Spanien ist das reinste Beispiel: Jahrzehntelang mit großen Klubs, aber als Nation immer am Ende ausgeschieden – bis die Spieler aufgehört haben, in „Katalanen“, „Basken“ und „Madrilenen“ zu denken, und anfingen, als Spanien aufzulaufen. Seitdem sind sie fast immer bis zum Schluss dabei.

Und auch im Vereinsfußball taugen die beiden Nationen als sehr gutes Beispiel. Ob nun PSG, Real Madrid oder der FC Barcelona, in allen Kadern dieser Teams waren Spieler, die man zu den besten der Welt zählen muss, aber sie allein stellten den Erfolg auf allerhöchstem Niveau nicht sicher.

Die Erkenntnis:

Es reicht nicht, wenn Kopf und Fuß eins sind – es braucht auch ein Verbindungsstück – und das ist das Herz.

Im Vereinsfußball lässt sich vieles mit Geld überbrücken. Bei Nationalmannschaften nicht. Kein Transfer, kein Taktikgenie ersetzt das kollektive Wollen.

Das zeigt sich auch in stillen Entscheidungen abseits des Rampenlichts: Spieler wie Hajdari, Avdullahu oder Asllani hätten das Potenzial gehabt, für Deutschland oder die Schweiz aufzulaufen. Sie wählten den Kosovo – wissend, dass sie damit niemals Weltmeister werden. Es ist eine Herzensentscheidung, das heißt, wenn sie spielen, sind sie eben nicht nur mit Kopf und Fuß dabei, sondern halt auch mit Herz.

Die Dreieinigkeit des Fußballs ist Kopf und Fuß verbunden durch Herz.

Im Vereinsfußball lässt sich vieles mit Geld überbrücken. Gekauft werden aber immer nur Kopf und Fuß. Schickers und Ilzers Job ist der eines „Kaderiologen“, sie müssen dafür sorgen, dass die Herzen der Spieler dem Team ein Herz geben – und dabei brauchen sie auch die Unterstützung der Fans. An der mangelte es diesmal im offiziell ausverkauften Stadion nicht!

Diesmal mangelte es am Rhythmus. Die TSG wies von Anfang an Herzrhythmusstörungen auf – im metaphorischen Sinne. Gewiss waren die Köpfe der Elf willig, doch die 22 Beine der Elf schwer, doch es fehlten Dynamik und (Im-)Puls, um daraus eine Einheit der Dreieinigkeit zu machen.

Fehlte der Glaube? An die Theorie der Dreieinigkeit.

Egal. Genauer: Es wäre falsch, hätten sie (nur) den besessen. Wir halten es da mit Immanuel Kant, der der Ansicht war, dass aus bloßem „theoretischen Fürwahrhalten“ – also dem buchstäblichen Glauben ohne praktische Konsequenz – „schlechterdings nichts fürs Praktische zu machen“ sei.

Übersetzt: Wer nur glaubt, eine Einheit zu sein, weil er dasselbe Trikot trägt, begeht das, was man in seiner Nachfolge einen epistemologischen Selbstbetrug nennen könnte: Die Vernunft erzeugt eine Illusion – und hält sie für Erkenntnis. Für Tatsache.

Tatsache ist aber, dass der Erfolg kam, als man daran glaubte, obwohl keiner mit ihm rechnete. Jetzt wird nicht mehr geglaubt, jetzt wird gerechnet (bei den Spielern) – und das ist definitiv zu viel Kopf – und entsprechend zu viel gewollt (bei Spielern und Fans).

Auf der Suche nach der Trinität

Und da schließt sich der Kreis zur Dreieinigkeit – nicht der theologischen, sondern der spielerischen. Wie bereits erwähnt: Kopf und Fuß müssen eins sein. Was sie verbindet, ist das Herz. Taktik ohne Überzeugung ist toter Kopf. Technik ohne Richtung ist toter Fuß. Erst das Herz – das kollektive Wollen, der gemeinsame Glaube im kantischen Sinne als gelebte Haltung – macht daraus eine lebendige Einheit.

Ilzer hat genau das geformt – und just jene Form ging verloren, nachdem wir so viele Spiele gewonnen hatten. Jetzt verlieren wir haufenweise unnötig nötige Punkte und Spiele, um das Ziel, das so nah schien, aus den Augen zu verlieren.

Bestes Beispiel dafür war Prass, der den Torwart der Gäste an der Grenze des Strafraums umspielte, nur noch einen Gegenspieler vor sich hatte, aber dann abdrehte. Definitiv zu viel gedacht – und nichts draus gemacht.

Im Gegensatz dazu: Asllani. Sein Tor zum zwischenzeitlichen Ausgleich war Ausdruck perfekter Dreieinigkeit: Kopf oben, sich ein Herz genommen und ein feines Füßchen bewiesen.

Ja, es war im Grunde ein Geschenk eines Ösis und ehemaligen TSG-Spielers, aber das muss man – wie den Ball selbst – erstmal so annehmen und verwerten können.

Ansonsten war auch sonst auf dem Platz gut zu erkennen, welcher Feldspieler wie dreieinig mit sich selbst war: neben Asllani waren das Coufal (der leider ausgewechselt werden musste, weil der Schiri doch sehr willens schien, ihm auch noch eine gelbe Karte zu zeigen) Kabak und Hajdari – sowie nach ihrer Einwechslung Avdullahu und Kramaric. Hingegen schienen Lemperle, Prömel und Burger an diesem Karsamstag den Jesus zu geben – zumindest traten sie nicht wirklich in Erscheinung. (O.K., Burger tat das kurz nach dem erneuten Rückstand noch mit einem Innenpfostenschuss, zeigte aber ansonsten, dass seine Stärke mehr in der Destruktion denn der Konstruktion liegt.)

Vielleicht war auch einfach nur die Zeit nach der Länderspielpause zu kurz, um aus den Rückkehrern von ihren Nationalmannschaften und ihren unterschiedlichen Gemütszuständen (Kopf und Herz) eine Dreieinigkeit zu formen, wobei es schon bemerkenswert ist, dass ausgerechnet die Spieler, von denen man am meisten Niedergeschlagenheit hätte erwarten dürfen (unsere Kosovaren), die agilsten Spieler waren. Das kann man schon als Indiz dafür heranziehen, dass Fußball keine Hündin ist („bitch“), sondern pures Karma, das eine Einheit mit dem Fußballgott bildet. Hybris wird bestraft, Authentizität, Dreieinigkeit belohnt.

Weiter wandeln – nur nicht auf illusionären Pfaden

Ja, Karma im Fußball ist kein mystisches Konzept. Es ist die langfristige Konsequenz von Authentizität, Hybris – und kollektiver Identität. Wer zu früh zu viel will, zahlt später. Wer seinen Weg geht und dabei er selbst bleibt – der gewinnt. Gestern nicht, aber da war ja auch Karsamstag, der Tag des Wartens. Erst heute feiert die Christenwelt Auferstehung, Ein Sieg am kommenden „Osterfreitag“ wäre ja geradezu ein Beweis für unsere These.

Die TSG ist halt immer noch im Wandel – ohne Chamäleon zu sein. Wir sind zwar (noch) kein Spitzenverein, aber zumindest auch schon einmal kein „Hopp-Projekt“ mehr. Wir sind zumindest angekommen in der Akzeptanz als Dorfverein. Das ist ein Fundament. Nun müssen wir uns weiter an die Situation anpassen, ohne es zu übertreiben. Nicht die Rolle des Champions League-Aspiranten haben wollen, sondern sich mit der des Underdogs anfreunden (Karma) und diese mit Leben füllen – mit Kopf, Fuß und Herz.

Darin sollten sich Verein, Mannschaft und Fans dreieinig sein. Und dann ist auch die ergebnistechnische Wiederauferstehung der TSG möglich. Man muss nur daran glauben – und es mit Leben füllen.

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