1899 Hoffenheim vs. 1. FC Union Berlin
Die Neue Sachlichkeit
Die Kunst der Renaissance eines Stils auf dem Rasen,
der in der Region vor 100 Jahren geboren ward.
Ohne Burger, ohne Bernardo, ohne wirklich Ballkontrolle gehabt zu haben, gewann die TSG 1899 Hoffenheim auch das fünfte Spiel des Jahres 2026 in Folge – und das auf eine Art und Weise, die für Laien immer weniger attraktiv wirkt.
Doch das liegt zum Teil einfach daran, dass der Fußball gerade fanseitig immer noch sehr von der Romantik geprägt ist – oder dem Expressionismus, zwei Kunstrichtungen, die sehr von der überzeichneten Zurschaustellung von Emotionen geprägt waren.
Zudem sind für viele (Fans) die Begriffe Kunst und Schönheit eng miteinander verwoben, wobei selten berücksichtigt wird, wo die Schönheit liegt („im Auge des Betrachters“) und wo Wahrheit („aufm Platz“).
Schön – im klassischen Sinne, also farbenfroh, opulent und doch im Detail präzise – war das Spiel gegen Union Berlin wahrlich nicht – und doch war es Kunst.
Für die Huscher hier:
Es reichten wenige Aktionen fünf Minuten vor dem Halbzeitpfiff, eine drei Minuten nach dem Wiederanpfiff vor dem gegnerischen sowie eine so solide wie teilweise glückliche Defensivarbeit vor dem eigenen Tor, um das Spiel 3:1 zu gewinnen. – Na, wenn das keine Kunst ist …
Nun steht unser Trainer nicht im Verdacht, ein Schöngeist zu sein, aber Kultur im Allgemeinen sowie Kunst im Besonderen braucht nicht nur Filigranität, sondern auch Realität, sie braucht nicht nur Elfenbeintürme, sie braucht auch Leucht- und Festungstürme, sie braucht nicht nur Schönheit, sie braucht auch Klarheit.
Diese Erkenntnis ist eine klare Gegenbewegung zu der Zeit davor. Davor war sie geprägt von Emotionalität und Pathos. Doch in all den Phasen der Umbrüche ohne Veränderung, des Niedergangs trotz Überschwangs, hatten Künstler und Schriftsteller genug von Utopien, innerer Zerrissenheit und Gefühlsduselei. Es herrschte oft eine Mischung aus Resignation, Zynismus und gleichzeitig sachlicher Begeisterung für die moderne, technische, urbane Wirklichkeit, die zu akzeptieren aber die Gesellschaft sich schwertat. Hier halt die Kultur. Bei ihr setzte eine nüchterne, desillusionierte Haltung ein: Die Dinge sollten „wie sie wirklich sind“ gezeigt werden – ohne Schönfärberei, ohne Pathos, ohne übertriebene Emotion.
1925 prägte der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Gustav Friedrich Hartlaub durch den Titel einer wegweisenden Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim den Namen dieser Epoche: „Neue Sachlichkeit.“
Es ist unwahrscheinlich, dass Ilzer Hartlaub kannte, aber es ist mehr als überdeutlich, dass er die Dix, Grosz, Schlichter, Kanoldt, Schrimpf, Beckmann, Radziwill, Grossberg, Kästner, Fallada und Seghers dieser Welt durch Baumann, Hajdari, Kabak, Hranac, Coufal, Asllani, Avdullahu, Lemperle, Prömel, Toure und Kramaric aufs Feld brachte.
Und so wurde aus der TSG 1899 Wolkenkuckucksheim die TSG 1899 Hoffenheim. Durch eine nüchterne, desillusionierte Haltung, ohne Schönfärberei, ohne Pathos, ohne übertriebene Emotion, sprich: mit der gleichen Denkweise wie vor 100 Jahren.
Die Parallelen der TSG 2026 zur Ausstellung 1925 „Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ wurden gerade in der Partie überdeutlich:
- Gegenständlichkeit statt Abstraktion (Ball auch mal weghauen)
- Kühle, präzise, scharfkonturige Malweise (perfektes Kurzpassspiel wie vor dem 2:0)
- Detailgenaue, fast fotografische Wiedergabe (Nicht der erste Doppelpack dieser Art 2026)
- Nüchternheit und Distanz zum Dargestellten („Nicht das spielerische, dafür das punktetechnische Maximum.“)
So war diese Partie kein großes Heldenepos, sondern ein funktionierendes System unter Christian Ilzer, das trotz der Umstellungen funktionierte – weil es nicht versuchte, mehr zu sein als es ist – und es sich auf das fokussiert, was relevant ist.
Betrachtet man die Werte der TSG in puncto xGoals, Torschüsse und Ecken (1,37:1,84; 9:16; 3:10) scheinen wir dieses Spiel unverdient gewonnen zu haben, andererseits lagen wir bei den relevanteren Werten vorne:
Laufleistung: 118,23:113,86
Pässe: 449:286
Passquote: 78%:62%
Ballbesitz: 59%:41%
sowie bei dem allerrelevantesten Wert: Tore.
Sie kamen plötzlich, unerwartet, aber sie kamen, auch wenn in diesem Spiel wenig nach vorn und hinten auch so manches schief ging – gerade am Anfang. Doch Baumann korrigierte seinen Bock und die Mannschaft war wach. Trotz dessen, dass sie nicht in Rückstand lag, lagen ihre Spieler oft am Boden. Als sich dann der Schiedsrichter entschied, auch Farbe ins Spiel zu bringen, ward der orthopädischen Taktik der Unioner („auf die Knochen“) Einhalt geboten. Und als sie sich wieder dafür entschieden, entschied der Schiedsrichter auf Elfmeter und der Gästekeeper sich für die falsche Ecke. 1:0.
Und waren diese Führungen in der Vergangenheit immer auch Momente der Unruhe, ob wir nicht im Gegenzug einen Gegentreffer kassierten, sind sie aktuell die Basis fürs Momentum, aus dem wir dann Kapital schlagen. 2:0, wieder durch Kramaric, wieder in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit.
Und als kurz nach Wiederanpfiff Toure seinen Gegenspieler im bester Usain-Bolt-Manier stehen ließ und scharf nach innen passte, stand ein Berliner Verteidiger ebenso goldrichtig wie unser Angreifer, war nur vor ihm am Ball, gab ihm aber die für uns richtige Richtung: 3:0.
Von da an ging die Sachlichkeit in den Aktionen allerdings verloren und von nun an auch wenig nach vorne. Stattdessen wurde den Berlinern nach VAR-Intervention der Anschlusstreffer doch zugestanden, sodass noch einmal so etwas wie Spannung aufkam. Doch dann kamen Prass und zuletzt wieder einmal Akpoguma, dem man nicht genug loben kann. Er, der keinerlei Chance auf einen Startelfeinsatz in der Defensive hat, nutzt seine wenigen Minuten, um alle aufkommenden Chancen der Gäste mit maximaler Sachlichkeit zunichte zu machen. Das muss man auch erst einmal auf dem Niveau können.
Innerhalb der Neuen Sachlichkeit unterscheidet man meist drei Strömungen – und alle die haben wir bereits 2026 gesehen:
- Verismus – scharfzüngig, sozialkritisch, oft hässlich überzeichnet, anklagend, zynisch, entlarvend (vs. Werder, Union)
- Klassizistische / konservative Richtung – strenge Form, glatte Oberflächen, idealisierend, statuarisch, distanziert, „kühl-schön“ (Frankfurt, Leverkusen)
- Magischer Realismus – „Alltägliches wirkt geheimnisvoll, unwirklich, „magisch aufgeladen“, rätselhaft, melancholisch, traumartig. (vs. Mönchengladbach)
Die Neue Sachlichkeit war in der Kunst der Versuch, die moderne Wirklichkeit ohne Illusionen und ohne Pathos abzubilden – teils kritisch-aggressiv, teils melancholisch-distanziert – und das gelang ihr – mit künstlerisch oft sehr eindrucksvollen Ergebnissen.
Und das lässt sich doch wunderbar auf die TSG dieser Spielzeit gerade in der aktuellen Phase übertragen.
Früher war Fußball (zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung) oft Expressionismus pur: große Emotionen, dramatische Comebacks, heldenhafte Trainerfiguren, die mit Pathos die Massen elektrisierten, Vereine als Schicksalsgemeinschaften, in denen alles möglich schien – oder dramatisch scheiterte. Heute dominiert zunehmend die sachliche Analyse: Expected Goals, Ballbesitzwerte, Pressing-Intensität, Datenmodelle, Scouting-Algorithmen, Revenue-Streams und langfristige sportliche Projektplanung. Kein romantisches Aufbäumen mehr gegen das Unvermeidliche, sondern kühle Effizienz.
Nach Jahren, in denen der Verein mal als „Hoffnungsprojekt“ gefeiert, mal als „Plastikklub“ verspottet wurde, zeigt die aktuelle Saison (Stand jetzt) eine fast klassisch veristische Variante der Neuen Sachlichkeit: keine großen Illusionen, keine übertriebene Euphorie, sondern eine präzise, effiziente Maschinerie, die Ergebnisse liefert.
- Nach 20 Spieltagen steht die TSG auf Platz 3 (mit (mindestens) einem Spiel Puffer auf Platz 4).
- Das ist kein Zufallstreffer, sondern das Resultat einer sachlichen, fast klinisch anmutenden Konstanz: starke Heimbilanz, sehr gute Auswärtswerte, eine Torproduktion, die nicht auf einen (!) Vollstrecker angewiesen ist (Kramarić (8), Asllani, Prömel, Lemperle (je 6).
- Die Formkurve der letzten Wochen? Meist Siege ohne großes Tamtam, einfach Fußball-Arbeit.
Die TSG Hoffenheim wirkt plötzlich wie ein Otto-Dix-Porträt der Moderne: nicht unbedingt schön, nicht pathetisch erhaben, aber verdammt präzise beobachtet und umgesetzt. Die PreZero Arena ist kein Tempel der Gefühle, sondern ein effizienter Arbeitsplatz.
Vielleicht liegt es daran, dass das Stadion nicht so ausgelastet ist, wie es die Mannschaft eigentlich verdient hätte. Wie eingangs erwähnt hängen, die Traditionalisten – und leider auch Journalisten – eher der Romantik und dem Expressionismus an, aber Beharrlichkeit wird sich durchsetzen. Fußball-Expressionismus ist vielleicht schöner anzusehen, aber die Neue Sachlichkeit gewinnt am Ende meist die Punkte – und das ist am schönsten, denn darauf kommt es an: die Wirklichkeit. Gerade in Hoffenheim scheint man das verstanden zu haben.
Aktuell scheint es, als hätte die TSG die expressionistischen Jahre (ewige Europapokal-Kämpfe, dann Abstiegskampf, Trainerkarussell) hinter sich gelassen und sich für die kühle, scharfkonturige Mal-, sprich: Spielweise entschieden: weniger Drama, mehr Punkte.

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